Schmerz, der nie vergeht
Dass der Tonträgermarkt sich gern an Jubiläen orientiert, um für seine Produkte ein möglichst großes Maß an Aufmerksamkeit zu nutzen, ist ein altbekanntes Phänomen. Eine Lied-CD, die zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs erscheint und Werke präsentiert, die überwiegend das Thema Krieg thematisieren, ist unter den Gedenkjahresangeboten allerdings eine bemerkenswerte Ausnahme.
Die Booklet-Fotos, die Anna Prohaska in einer Art wilhelminischen Militärmantel zeigen, wie er der historisch informierten Fantasie eines heutigen Modeschöpfers entsprungen sein könnte (oder es sogar ist), lassen auf den ersten Blick befürchten, dass hier ein Thema von geradezu existenzieller Wucht konjunkturgemäß aufbereitet und kundentauglich ästhetisiert wird. Doch schon nach den ersten Tönen des einleitenden Volkslieds «Es geht ein dunkle Wolk herein» ist klar, dass der Inhalt dieser CD nicht identisch mit deren Verpackung ist. Unbegleitet und mit klarer, doch verhaltener Stimme vermag Anna Prohaska einen Sog zu erzeugen, der in eine dramaturgisch überaus stimmig gestaltete Abfolge von Liedern aus vier Jahrhunderten hineinzieht und bis zum Schluss nicht nachlässt.
Unter den Liedern finden sich ...
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Opernwelt September/Oktober 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 42
von Thomas Seedorf
Die Möwe schreit. Ein Hund bellt. Über die Frederiksborggade schnaufen die Kopenhagener Stadtbusse. Dazwischen der Duft von Fisch und Frittenfett. Vor der Torvehallerne, der Markthalle mit Restaurants und Cafés, blüht das Leben. Der Bahnhof Nørreport, wo sich Metro und Fernzüge kreuzen, ist keine hundert Meter weg. Und genau hier spielt die Musik: Man gibt «Manon»...
Was du ererbt von deinen Vätern hast», heißt es in Goethes «Faust», «erwirb es, um es zu besitzen.» Hat man sich das bei der EMI vor Augen gehalten, als es um die Künstlerin ging, deren Erbe wohl mehr Zinsen abgeworfen hat als das von irgendjemand sonst und das jahrzehntelang vom Marketing mit dem absurden Allerlei von «Best of»-Kompilationen geschändet wurde?
«Ca...
Seit über Kunst nachgedacht wird, also schon sehr lange, treibt die Frage um, was Musik eigentlich sei. Das «Schöne», sein Eigenwert, seine Funktion, in Abgrenzung zum «Hässlichen» – darum kreisen die Debatten. Im deutschen Kulturbereich scheint das Thema nach wie vor blockiert. Idee wie Ideologie der «absoluten» Musik haben diese festgelegt auf die kunstreligiöse...
