Schlamm zu Schlamm
Als ob es eine tief strömende, die Richtung ändernde Bewegung gäbe, vertrauen Komponisten wie Michael Wertmüller, Toshio Hosokawa, Miroslav Srnka, Johannes Kalitzke in jüngster Zeit wieder der Narration in ihrem Musiktheater, nennen es gattungsgerecht Oper. Auch Hans Thomallas neues Werk «Kaspar Hauser», eine «Oper in drei Akten», schreibt und schreitet einen Weg von A nach Z aus, von der Erscheinung der Titelfigur, einer Art Geburt, bis zu ihrem Tod.
Ein Mensch wird auf die Erde geworfen, erhebt sich, schaut sich um in einer fremden Gesellschaft und stirbt an seinen (ihren?) Wunden mit dem Gesicht zur ewigen Erde. Das ist natürlich nur die Fabel. Das Sujet (im Sinne des russischen Strukturalismus) ist von der Musik bestimmt. Mehr noch: Das Fabelwesen, der Findling Kaspar Hauser, wird von der Gesellschaft und ihrer Artikulation in und durch Musik determiniert, er selbst verwandelt sich in Tönen – Körper wird Musik, Musik wird Körper.
Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt der Thomalla’schen Ästhetik, die in seinem ersten Bühnenwerk, der 2011 in Stuttgart herausgekommenen Medea-Oper «Fremd», deutlich wurde: die Doppelstrategie von Musik als Erzählung und Musik als Reflexion ihrer ...
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Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Götz Thieme
Die Avantgarde bröckelt manchmal schneller, als man gucken kann. Valencias Opernhaus, dem Palau de les Arts Reina Sofía, musste keine zehn Jahre nach der Eröffnung 2005 eine neue Keramikhaut übergezogen werden – ob der Werkstoff dieses in Beton gegossenen architektonischen Hüftschwungs des Baumeisters Santiago Calatrava sich überhaupt eignet, wo Wind und...
Konventionell und langweilig ist es geworden, das Opernleben in Moskau. Daran können weder die wenigen gelungenen Inszenierungen (Georgij Issaakjans «Schlaues Füchslein» im Kindermusiktheater und «La Bohème» in der Neuen Oper), noch hervorragende vokale Leistungen (Nadja Michael als Katherina Ismailowa im Bolschoi Theater) oder Ausgrabungen (Martinus «Ariane» im...
Nach 1840 schlitterte die gute alte komische Oper in die Krise. Nicht erst Verdis «Falstaff», auch schon Wagners «Meistersinger» oder Donizettis «Don Pasquale» sind Komödien zweiten Grades. Spontaner Humor scheint nicht mehr zu funktionieren, die Komik verbirgt sich hinter einem Schleier von Anspielungen und Brechungen aus historischer Distanz.
Ein herausragendes...
