Schlagt ihn tot, denn er ist ein Rezensent
Am schlimmsten trieb es – nein, kein Kritiker. Ein Komponist war’s, wiewohl: ein tief gekränkter. Wer Hugo Wolfs Rezensionen liest, reibt sich verwundert die Augen, derart deftig, geradezu niederträchtig wühlt der Wolf im Schafspelz im Räderwerk der Worte, um den «inkriminierten» Gegenstand in den Orkus zu schicken – und dessen Schöpfer am besten gleich mit.
Ein Beispiel, nicht aus der Oper, dafür aber umso anschaulicher, ist der geharnischte Verriss des (unzweifelhaft meisterhaftwundervollen) zweiten Klavierkonzerts von Johannes Brahms, der wegen seiner poetisch-polemischen Insistenz hier ausführlich zitiert sei: «Wer dieses Clavier-Concert mit Appetit verschlucken konnte, darf ruhig einer Hungersnoth entgegensehen; es ist anzunehmen, daß er sich einer beneidenswerthen Verdauung erfreut und in Hungersnöthen mit einem Nahrungs-Äquivalent von Fenstergläsern, Korkstöpseln, Ofenschrauben und dgl. mehr sich vortrefflich zu behelfen wissen wird […] Da ein Musikreferent doch zuweilen auch über Musik schreiben soll, glaubte ich am besten zu thun, mit einem andächtigen Kreuz an dem, den Qualen des Scheintodes verfallenen Werkes voll trauernden Mitleides vorüber zu gehen und ihm die ewige ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 33
von Jürgen Otten
Die in Leipzig lebende und arbeitende Pianistin Kyra Steckeweh, geboren 1984, spielt seit Jahren vielfältige, häufig spätromantische Werke von Komponistinnen. Und das mit sicherem Geschmack in Sachen Programmdramaturgie, immer mal wieder, in Konzerten mit Rezitation, an der Seite von Schauspielerinnen – und als Interpretin herrlich vollmundig, inbrünstig,...
Der Coup findet seine Fortsetzung: Vor 13 Monaten hatte das «Rheingold» in der Regie von Ewelina Marciniak an den Bühnen Bern Premiere. Damit begann der erste «Ring» überhaupt in Bern, damit begann auch die erste Musiktheaterarbeit der polnischen Regisseurin, die sich – erst in ihrer Heimat und dann auch in Deutschland – zu Recht den Ruf erworben hat, keinerlei...
Das ganze Drama ist im Grunde erzählt, noch bevor viele Worte gefallen sind. Der Schmerz, die Sehnsucht (welche nur diejenigen Menschenkinder wirklich kennen, die wissen, welches Leiden mit ihr einherzugehen vermag), der Dualismus aus Liebestäuschung und -ent täuschung, die tiefsitzende Verzweiflung, das einsickernde Gift der Rache – alles ist bereits im «Prelude»...
