Schlagt ihn tot, denn er ist ein Rezensent

Buch des Monats: Ein großes Lesevergnügen. Thomas Leibnitz’ Buch «Verrisse»

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Am schlimmsten trieb es – nein, kein Kritiker. Ein Komponist war’s, wiewohl: ein tief gekränkter. Wer Hugo Wolfs Rezensionen liest, reibt sich verwundert die Augen, derart deftig, geradezu niederträchtig wühlt der Wolf im Schafspelz im Räderwerk der Worte, um den «inkriminierten» Gegenstand in den Orkus zu schicken – und dessen Schöpfer am besten gleich mit.

Ein Beispiel, nicht aus der Oper, dafür aber umso anschaulicher, ist der geharnischte Verriss des (unzweifelhaft meisterhaftwundervollen) zweiten Klavierkonzerts von Johannes Brahms, der wegen seiner poetisch-polemischen Insistenz hier ausführlich zitiert sei: «Wer dieses Clavier-Concert mit Appetit verschlucken konnte, darf ruhig einer Hungersnoth entgegensehen; es ist anzunehmen, daß er sich einer beneidenswerthen Verdauung erfreut und in Hungersnöthen mit einem Nahrungs-Äquivalent von Fenstergläsern, Korkstöpseln, Ofenschrauben und dgl. mehr sich vortrefflich zu behelfen wissen wird […] Da ein Musikreferent doch zuweilen auch über Musik schreiben soll, glaubte ich am besten zu thun, mit einem andächtigen Kreuz an dem, den Qualen des Scheintodes verfallenen Werkes voll trauernden Mitleides vorüber zu gehen und ihm die ewige ...

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Opernwelt März 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 33
von Jürgen Otten

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