Scherz, Satire und tiefere Deutung

Christophe Rousset und Mariame Clément entdecken an der Straßburger Rheinoper die menschlichen Tragödien in Jean-Philippe Rameaus «Platée»

Opernwelt - Logo

Darauf muss man erst mal kommen. Juno, die große Abwesende, die Unsichtbare, mischt von Anfang an mit. Normalerweise regt sich die hohe Dame erst im letzten Aufzug coram publico über die erotischen Eskapaden ihres Göttergatten Jupiter auf. Bis dahin schmollt sie stumm im Off – so steht’s im «Platée»-Textbuch von Adrien-Joseph Le Valois d’Orville und in den Noten Jean-Philippe Rameaus.

Das arglistig-köstliche Spiel mit der mannstollen Sumpfnymphe, die Jupiter zum Schein anbaggert, um die Eifersucht seiner Angetrauten der Lächerlichkeit auszuliefern, findet weitgehend hinter deren Rücken statt. Über zwei turbulente Akte hinweg wird die Intrige eingefädelt, ohne dass man die frustrierte Göttin zu Gesicht bekäme. Eine Randfigur mit drei kurzen Sopran-Auftritten kurz vor Ultimo? «Einspruch», protestiert Regisseurin Mariame Clément: «Vielleicht ist Juno ja der Dreh- und Angelpunkt des Stücks. Und Platée eine Art Alter Ego, ein Spiegel, in dem sich verschiedene Frauenbilder, -fantasien und -rollen spiegeln. Vielleicht braucht Juno diesen Spiegel, um sich und ihren eigenen Ort im Geflecht dieser (männlichen) Projektionen zu erkennen.»

Also erscheint Madame Junon schon auf der Bühne der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2010
Rubrik: Interview I, Seite 20
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Behauptungswille

Die großen alten Mythen wie Medea oder Phädra (um zwei aktuelle Beispiele zu nennen) haben derzeit Konjunktur auf der Opernbühne, und die Literaturoper, die einen literarischen oder theatralen Text mehr oder weniger eins zu eins in Musik zu übersetzen sucht, ist nach wie vor dominant. Jörg Widmann und Roland Schimmelpfennig sind in ihrem Werk den anderen,...

Gewieft, gescholten, geliebt

Er sei einfach der «aller-, allerbeste Intendant der Welt», schrieb die Fränkin Waltraud Meier, als der Franke Wolfgang Wagner 75 wurde. Sie brachte damit zum Ausdruck, was alle dachten und spürten: dass dieser Enkel des großen Richard motivieren konnte wie kein zweiter Theaterchef. Weil er immer da war, wenn man ihn brauchte, ansprechbar, offen, nie um eine (oft...

Grétry & Co.

Die Opéra Comique gehört heute wieder zu den aktiven Pariser Opernhäusern. Die Direktion sieht es als primäre Aufgabe des Hauses an, «das französische Repertoire zu pflegen». Der Verständlichkeit des Textes komme dabei, wie stets in der französischen Operntradition, eine große Rolle zu. Konkret heißt das: Auf der Bühne der Salle Favart uraufgeführte Werke wie...