Rote Suppe
Zum sanguinischen Spectaculum lässt Calixto Bieito den Gott des Weines höchstpersönlich auftreten: Als adipöser Senior testet Bacchus den roten Rebensaft; Dionysos, sein griechischer Kollege und Hohepriester des Rausches, assistiert ihm. Gemeinsam befinden sie für gut, was der Chor da in neun riesigen Holzbottichen an Trauben eingestampft hatte. Nun hat die wilde Weinschlacht ihren Segen von oben. Das Suhlen in roter Suppe nimmt seinen Lauf der kollektiven Entgrenzung. Seinem Ruf als Regisseur der körperlichen Extremdarstellungen wird Bieito einmal mehr gerecht.
Ein echter Aufreger, geschweige denn ein Skandal ist der Abend aber mitnichten. Denn eigentlich bleibt der Katalane in seiner Inszenierung der «Carmina Burana» durchweg nah am deftigen Text. Wenn vom unmäßigen Trinken die Rede ist, führt er den Abt im Fatsuit als sich übergebenden Saufbruder vor – Bariton Cody Quattlebaum mimt ihn mit der totalen Bereitschaft zur hemmungslosen Darstellung. Wenn vom Fressen berichtet wird, delektiert sich der Chor am knusprig gebratenen Schwan – der geschmeidig intonierende Countertenor Jake Arditti gibt ihn mit herrlicher Lust an der Karikatur. Und wenn die Liebeslust gefeiert wird, ist ...
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Opernwelt November 2024
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Peter Krause
Im April erst hatte der Intendant Peter de Caluwe bekannt gegeben, dass sich der Castellucci-Ring der Monnaie nicht runden würde und dass mit dem «Siegfried» nun Pierre Audi übernehmen sollte. Solche Kurzfristigkeit grenze im Opernbetrieb ans Unmögliche, bekräftigten der Intendant und sein neuer Regisseur noch einmal vor der Premiere: Doch müsse man in der Kunst...
Die Liebe, heißt es ebenso apodiktisch wie unwiderlegbar in John de La Bruyères Traktat «Les caractères de Théophraste», beginnt stets mit der Liebe, mit ihrer (zeitlosen) Immanenz. Auch Théophile Gautier dachte wohl an diese schönste, zugleich schmerzlichste aller zwischenmenschlichen Empfindungen, an ihre vielfältigen, einander widersprechenden...
Der Teufel trägt Trenchcoat, beigefarben, darunter ähnlich getönten, ziemlich edlen Zwirn, einen Anzug samt Hemd und Weste; auf der Nase sitzt eine modische Brille. Könnte, so elegant, wie ihn Kostümbildnerin Julia Rösler eingekleidet hat, durchaus ein feiner Herr sein, doch ebensogut würde der grandios spielende und extrem variabel singende Krzszytof Bączyk als...
