Ritual und Rätsel
Lustwandeln, sich den Klängen, dem Raum, dem gedämpften Licht überlassen, das ginge auch. Aber dann verpasst man etwas; an manchen Stellen des Münchner Utopia, der ehemaligen Reithalle am Rande des Zentrums, tut sich schließlich Entscheidendes. Wie etwa der riesenhafte Corey Scott-Gilbert unter Zuckungen und Krämpfen das Wachsen einer Kiefer nachspielt, dem altasiatischen Symbol für Langlebigkeit und Fruchtbarkeit. Wie sich die Schwestern Matsukaze und Murasame am anderen Ende der Halle symbolisch waschen.
Oder wie sich Thomas Schmauser als oberkörperfreier Mönch in einer Salzkiste windet.
2011 wurde Toshio Hosokawas «Matsukaze» in Brüssel uraufgeführt. Die auf dem Nō-Theater basierende Kammeroper verweigert sich dramaturgischer Stringenz, ist vielmehr eine Meditation über Vergänglichkeit, Nicht-loslassen-Können, über (lebensbedrohliche) Wünsche und das Akzeptieren der Realität. Ein Mönch trifft in einem Salzhaus am Strand auf zwei Schwestern, die auf Yukihira warten, ihren früheren Geliebten. Es ist eine Begegnung mit der Vergangenheit, die Frauen sind längst tot. Handlung wird zum Ausgangspunkt für ein 80-minütiges Gespinst am Rande des Geräuschs und der Stille, zwischen ...
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Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Panorama, Seite 59
von Markus Thiel
Wie Leoncavallo, Delibes oder Ponchielli ist auch Bizet der Komponist einer einzigen Oper. Wer kennt im Ernst mehr als seine «Carmen»? Gewiss, auch «Les Pêcheurs de perles» werden gelegentlich aufgeführt. Doch vor allem, weil es sich um eine One-Hit-Oper handelt. Im Fokus steht das Duett von Tenor und Bariton, die zu Flötentönen die verführerische Schönheit einer...
Das Genie des Leidens sitzt vorne rechts, am äußersten Rand der Bühne, an einem viel zu kleinen Schreibtisch. Oder besser: Ein Teil von ihm sitzt dort, umgeben von Büchern, Notizheften, einem rotleuchtenden Blümlein, einer Flasche Wein und anderen nützlichen oder weniger nützlichen Utensilien. Harry Haller, «ein Mann von annähernd fünfzig Jahren», wie sein Schöpfer...
Am Tag, da in Rom der linksgerichtete Papst Franziskus zu Grabe gebracht wurde, fand am Theater Bielefeld die Premiere von Bohuslav Martinůs «Greek Passion» statt – ein Stück, das nach einem real praktizierten, radikal sozial verstandenen Christentum fragt, wie es auch der Verstorbene in Erinnerung bringen wollte. Der geheime Draht zwischen Rom und Bielefeld muss...
