Protokoll mit Patina
Mitunter überlebt Vergessenes oder Ausgeblendetes nahezu unbemerkt in Werken, die längst zum Kanon gehören. Wie jenes Zitat aus dem sechsten der Acht Lieder op. 6 (1903), das Schönberg in seinem 1924 unter Leitung Zemlinskys in Prag uraufgeführtem Monodram Erwartung op. 17 (1909) verwendet. Adorno hat in der Philosophie der neuen Musik darauf hingewiesen. Nun liegt bei Wergo eine (klangtechnisch überarbeitete und doch unbefriedigende) Aufnahme des Einakters aus dem Jahr 1960 vor, die ursprünglich auf LP veröffentlicht wurde und dann vom Markt verschwand.
Hermann Scherchen dirigiert die Nordwestdeutsche Philharmonie, die von Ängsten bedrängte namenlose Frau verkörpert Helga Pilarczyk. Eine molto espressivo gehaltene Lesart, die oft großzügig über die präzise notierten Anweisungen zu Dynamik, Tempi und Tonhöhen hinwegflutet und so den analytischen «Protokollcharakter der Musik» (Adorno), das Psychogramm abrupt wechselnder Stimmungen und innerer Zustände eher verfehlt als zuspitzt. Gleichwohl ein aufschlussreiches historisches Dokument, dessen Patina nicht zuletzt angesichts der Fülle neuerer Exegesen (etwa Boulez/Martin 1977, von Dohnányi/Silja 1979 oder Albrecht/Nielsen 2003) ...
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Opernwelt März 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Albrecht Thiemann
Wo bleiben die Gehilfen? Wir warten. Und warten. Und warten. Einen ganzen Abend lang. Wie Wladimir und Estragon. Aber K.s Lakaien aus dem Schloss-Roman lassen sich so wenig blicken wie Becketts Godot. Sven Holm und seine Musiktheaterperformancetruppe Novoflot haben die beiden Clownsknechte auf ihre «Winterreise» nach Franz Kafka nicht mitgenommen. Und damit einen...
Ein lang anhaltendes Tiefdruckgebiet liegt über den Opernhäusern der mecklenburgischen Ostseeküste. Seit Jahren lauert die Fusion von Schwerin und Rostock, zwei Städten, die sich traditionell nicht grün sind. Das Ministerium hat eine Münchner Managementfirma beauftragt, entsprechende Szenarien auszuarbeiten, wieweit sie umgesetzt werden, ist immer noch unklar. Der...
Frau Sonne sendet lichte Strahlen», singen die Rheintöchter und hüpfen auf ihren Trampolinen. «Frau Sonne, sende uns den Helden, der das Gold uns wiedergebe.» Zwar ist es draußen trübe an diesem Januar-Vormittag, doch der Held steht bereit. Siegfried steigt mit Schwert, Ring und Horn auf ein Brettergerüst: «Ein Albe führte mich irr.» Klavierprobe zu Götterdämmerung...
