Die Tortur des Kreises

Die Musiktheatertruppe Novoflot unternimmt eine «Winterreise» mit Kafka und Kindern, Schubert und neuen Klängen

 Wo bleiben die Gehilfen? Wir warten. Und warten. Und warten. Einen ganzen Abend lang. Wie Wladimir und Estragon. Aber K.s Lakaien aus dem Schloss-Roman lassen sich so wenig blicken wie Becketts Godot. Sven Holm und seine Musiktheaterperformancetruppe Novoflot haben die beiden Clownsknechte auf ihre «Winterreise» nach Franz Kafka nicht mitgenommen. Und damit einen Zünder aus der Hand gegeben, mit dem das jüngste Novoflot-Projekt vielleicht wie eine Marthaler-Murx-Rakete hochgegangen wäre. So aber hoffte man vergeblich auf ein bisschen Slapstick der Vergeblichkeit.

Stattdessen rotierte im Haus der Berliner Festspiele bloß die mit Publikum beschwerte Drehbühne – um eine mit Zeitgeist-Zutaten gewürzte Mischung aus Kinderlaienspiel, Knabenchorvorstellung, szenischem Liederabend, Live-Comics (am Laptop: Ulrich Scheel), Soloposaunenjazz (Nils Wogram) und spärlichen Avantgarde-Klanggesten (Aleksandra Gryka) einer fünfköpfigen Combo (das ensemble mosaik unter Leitung von Vicente Larrañaga).

«Ah, es wird lustig sein», versprechen zwei kleine Mädchen den eingangs auf groben Leinensäcken lagernden Zuschauern und tanzen Ringelreihen zum improvisierten Groove des Posaunisten. Ja, wenn es nur ...

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Opernwelt März 2013
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Albrecht Thiemann

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