Produktive Überforderung
Brünnhilde will nicht. «Heil, dir, Sonne!» drei, vier, fünf Meter über dem Boden? «Da kann ich nicht frei singen», sagt Judith Németh. Das Schwanken, der Schwindel, das Herzrasen. Schon der Blick auf die Gondel, in der die Walküre im dritten «Siegfried»-Akt aus der Tiefe auffahren soll, dem Liebeslicht entgegen, bis das wallende Brautkleid die Bühne füllt, macht die Sopranistin nervös. Ganz steif fühle sie sich in diesem Korb. Die Jungs von der Technik geben ihr Bestes, um ihre Flugangst zu zerstreuen. Kein Problem, alles stabil.
Man könne es fürs Erste ja mal mit ein paar Zentimetern versuchen, schlägt Achim Freyer vor. Schließlich steigt sie doch ein. Klavierhauptprobe im Nationaltheater Mannheim. Am Ende kriegt der scheinbar alterslose, ewigfrische Bühnenmagier, der hier, aus dem Stand (nachdem Christof Nel kurz vor zwölf den Regieauftrag zurückgegeben hatte), seinen zweiten «Ring» stemmt, genau das grandiose Bild, das ihm für den ins schier Unendliche gedehnten Augenblick vorschwebte, da Brünnhilde aus Wotans Feuerzauberschlaf erwacht.
Über zwei Jahre hat der Filmemacher Rudij Bergmann die Arbeit am Mannheimer «Ring» beobachtet. Hat mit Solisten und Statisten gesprochen. Sich ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 46
von Albrecht Thiemann
Werktreue. Meist kursiert das Wort als Kampfbegriff. Wer es im Schilde führt, spielt sich gern als Retter auf. Des Wahren, Schönen und Guten. Der hohen Kunst und des reinen, einzigen Schöpferwillens. Der alten Theatertugenden. Wie stumpfes, schmutziges Glas sollen sie an diesem Panzer zerschellen, die Zumutungen, Bilder, Fragen der Gegenwart. Heute war gestern.
So...
Man sagt ja, Kriminelle kehren immer an den Ort ihres Verbrechens zurück. Wie jemand so blöd sein kann, war mir zwar immer schleierhaft. Aber es stimmt. Gilt auch für mich. Das muss ich jetzt einsehen. Offenbar ist mein krimineller Instinkt bloß ein bisschen lahm – ich habe mir 24 Jahre Zeit gelassen, bevor ich wieder in Aix aufschlug.
Als wir 1991 mit Brittens...
Darüber, ob Franziska Martienßen-Lohmann (1887–1971) die bedeutendste Gesangspädagogin des 20. Jahrhunderts war, kann man streiten. Der Superlativ hat etwas Zwanghaftes. Dass sie die einflussreichste Gesangslehrerin des Jahrhunderts war, steht dagegen außer Zweifel. Durch ihre sechs, oft in mehreren Auflagen erschienenen Bücher sowie durch zahlreiche Aufsätze,...
