Produktive Überforderung
Brünnhilde will nicht. «Heil, dir, Sonne!» drei, vier, fünf Meter über dem Boden? «Da kann ich nicht frei singen», sagt Judith Németh. Das Schwanken, der Schwindel, das Herzrasen. Schon der Blick auf die Gondel, in der die Walküre im dritten «Siegfried»-Akt aus der Tiefe auffahren soll, dem Liebeslicht entgegen, bis das wallende Brautkleid die Bühne füllt, macht die Sopranistin nervös. Ganz steif fühle sie sich in diesem Korb. Die Jungs von der Technik geben ihr Bestes, um ihre Flugangst zu zerstreuen. Kein Problem, alles stabil.
Man könne es fürs Erste ja mal mit ein paar Zentimetern versuchen, schlägt Achim Freyer vor. Schließlich steigt sie doch ein. Klavierhauptprobe im Nationaltheater Mannheim. Am Ende kriegt der scheinbar alterslose, ewigfrische Bühnenmagier, der hier, aus dem Stand (nachdem Christof Nel kurz vor zwölf den Regieauftrag zurückgegeben hatte), seinen zweiten «Ring» stemmt, genau das grandiose Bild, das ihm für den ins schier Unendliche gedehnten Augenblick vorschwebte, da Brünnhilde aus Wotans Feuerzauberschlaf erwacht.
Über zwei Jahre hat der Filmemacher Rudij Bergmann die Arbeit am Mannheimer «Ring» beobachtet. Hat mit Solisten und Statisten gesprochen. Sich ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 46
von Albrecht Thiemann
«Alfred», die erste der elf Opern Dvoráks, ist ein Kuriosum. Überall hört man Wagner-Themen in dem gut zweistündigen Dreiakter aus den Jahren 1869/70. Und zwar meist in Situationen, zu denen sie nicht passen. Die gefangenen Briten werden zum Einzug der Wartburggäste herein- und mit dem hinkenden Beckmesser-Motiv wieder abgeführt. König Harald von Dänemark hält...
Der Anblick von Kreuzfahrtschiffen, die durch den Canale della Giudecca pflügen, gehört mittlerweile ebenso zum Image der Lagunenstadt wie das Taubenvolk vom Markusplatz oder die Rialtobrücke. Insofern ist es konsequent, wenn in der Inszenierung von Johann Strauß’ «Eine Nacht in Venedig» bei den Seefestspielen Mörbisch eines dieser vielstöckigen Monsterboote die...
In seiner 40. Saison bot das Glimmerglass Festival in sämtlichen Produktionen Bemerkenswertes. Leonard Bernsteins «Candide» wurde, seit die Uraufführung 1956 zum Flop geriet, bereits in zahlreichen Bearbeitungen aufgeführt. In Glimmerglass kombinierte man jetzt eine Fassung der Scottish Opera (1988) und das Textbuch von John Caird (1999). Die Inszenierung nahm...
