Pfahl im Fleische, Türen ins Nichts
Blicken wir, nur für eine flüchtige Weltsekunde, zurück und denken dabei an jenen hastig hingehackten Satz, den der frisch geadelte Herr von Faninal im zweiten Akt von Strauss’ «Rosenkavalier» singend ausspricht: «Ein ernster Tag, ein großer Tag, ein Ehrentag, ein heil’ger Tag.» Ein solch denkwürdiges Datum ist auch der 27. April 1784. Tout Paris ist auf den Beinen, jedenfalls jenes Paris, das sein Theater und das Spektakel liebt.
Schon viele Stunden vor Beginn der Uraufführung drängen sich mehrere tausend Menschen rund um die Comédie Française, das heutige, in der Nähe des Palais du Luxembourg gelegene Théâtre Odéon, und versuchen mit Gewalt, Eingang in die heilige Halle zu erlangen. Bis herunter zum Seine-Ufer staut sich die Kutschenschlange. Als schließlich um die Mittagszeit Gitter und Tore der Wucht nachgeben, gibt es kein Halten mehr. Bei dem ausbrechenden Tumult werden drei Personen mit Parterrekarten zu Tode erdrückt. Auch im Innern des aufwändig restaurierten Theaters herrscht das reine Tohuwabohu. Unter den Öllampen (sie haben die bislang benutzten Kerzen ebenso ersetzt wie ausnahmslos Sitz- die zuvor angestammten Stehplätze) tummeln sich Damen und Herren des Hochadels, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Jürgen Otten
Mozarts «Zauberflöte» musste sich seit jeher die widersprüchlichsten Deutungen ihrer angeblich verborgenen Botschaft(en) gefallen lassen. Ist sie für die einen nur ein geradezu unsinniges, unlogisches, sich in seinen Widersprüchen verhedderndes «Machwerk», so für die anderen – zuletzt exemplarisch in Jan Assmanns großem, 2005 erschienenem «Zauberflöte»-Buch – ein...
Leonhard Franks 100 Jahre alte Erzählung «Karl und Anna» dreht sich um einen Identitätsschwindel, der so radikal ist, dass er praktisch die Realität transformiert. Karl, der in ferner Kriegsgefangenschaft von dem Mitsoldaten Richard monatelang die Geschichten über dessen Frau Anna angehört hat, ist bereits in diese verliebt, als er sich nach seiner Flucht zu ihr...
Dieser Nachfolger des großen Caesar übt noch, ein einschüchternder Herrscher zu sein. Zumal das hoheitsvolle Heben des Arms – welches Adolf Hitler knapp zwei Jahrtausende später, antike römische Imposanz imitierend, gar stramm zu perfektionieren suchte – will in seiner Wirkung überprüft sein, um im Einsatz vor den jubelnden Massen dann tunlichst nicht lächerlich zu...
