Paisiello: Socrate immaginario

Neapel

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Roberto de Simone, erfahrener neapo­litanischer Musik-  und Theatermann, erfüllte sich einen alten Traum, indem er Paisiellos komische Oper «Socrate immaginario» aus dem Jahr 1775 im Teatro San Carlo inszenierte.

Von seinem Musiklehrer Anfang der fünfziger Jahre auf die Buffa aufmerksam gemacht, ließ ihn diese spöttisch-ironische Burleske, bei der sich die Librettisten Lorenzi und Galiani von Cervantes «Don Chixote» hatten inspirieren lassen, nicht mehr los: Ein allzu humanistisch gebildeter Groß­bürger Neapels, Don Tammaro, behauptet beharrlich, er sei die Wiedergeburt von Sokrates und zwingt seiner ganzen Familie nebst Dienerschaft sein eingebildetes Griechentum mit Toga, Gymnas­tik, aber auch Bigamie auf. Äußerst interessiert an diesem absurden Spleen ist sein Leibbarbier, den der Gelehrte zu Plato verklärt. Don Tammaros Tochter Emilia – hier sehr stimmschön und agil von Cinzia Forte dargestellt – und auch seine Gattin Donna Rosa – alias die temperamentvolle Matrone Gloria Scalchi – haben bei diesem Antikentheater arg zu leiden, holen aber schließlich mit weib­licher List Don Tammaro wieder auf den Boden der neapolitanischen Realität zu­rück. Dieses musikalisch einfallsreiche und anspruchsvoll instrumentierte Stück, dem Mozart viel – etwa für «Così fan tutte» – verdankt, hat überdies ein teils im neapolitanischen Dialekt geschriebenes Libretto, das seinen dadaistischen Höhepunkt im Wissens-Duett zwischen Sokrates und Platon – also Herr und Friseur, großartig gegeben von Simon Orfila und Filippo Morace – findet: «Sà che sà, se sà, chi sà». Leider fürchtete Regisseur de Simone, das heutige Publikum verstehe diese verrückte Komödie nur, wenn er die Rezitative eliminiert und zwischen die Szenen eine von ihm geschriebene, pädagogische Handlung aus dem Neapel der Aufklärungszeit stellt. Im Bühnenbild mit antikischen Fragmenten, Anspielungen auf de Chirico und Magritte sitzt darum während des gesamten Spiels der Librettist Galiani, gespielt von Italiens Fernseh-Opernmoderator Antonio Lubrano, und unterhält sich mit Kostümierten, deren historische Vorbilder mit der Sokrates-Oper damals durch den Kakao gezogen werden sollten. Durch diese Schulfunk-Version wird das geniale Komikkarussell der Handlung unvorteilhaft gebremst: Philosophieren ist einfach langweiliger als Musizieren. Doch die geniale Partitur Paisiellos – am Pult etwas spannungsarm: Antonino Fogliani – entschädigte für manche Länge. ...

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Opernwelt November 2005
Rubrik: Kurz berichtet, Seite 55
von Birgit Pauls

Vergriffen
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