Editorial
Ein Gespenst geht um in der Opernszene. Es hört auf einen alten Begriff, den es verzerrt: Aktualität. Als sich Calixto Bieito kürzlich in Berlin an «Madame Butterfly» vergriff, verlegte er die Handlung in ein Etablissement für Sextourismus. Die Aufführung zu rezensieren, lohnt sich nicht, da sie nur ein weiteres Beispiel für die Guinness-Buch-verdächtige Fähigkeit des katalanischen Regisseurs ist, Sex und Gewalt nach Art eines simpel-narrativen Realismus in Opern des Standardrepertoires zu interpolieren.
Auch dass hierbei persönliche Neurosen mit dem Hinweis auf die Schlechtigkeit unserer Welt verbrämt werden, wäre bestenfalls unter der Rubrik verunglückter Lokaltermine zu vermelden. In der Form eines Dokumentarfilms über westliche Männer auf der Suche nach preiswerter Befriedigung oder die Ausreisebemühungen asiatischer Prostituierter wäre Bieitos Moralkeule zweifellos besser verpackt gewesen.
Das Problem besteht darin, dass die Komische Oper eine Inszenierung von Puccinis Oper ankündigte. Darüber hinaus wurde sowohl Publikum als auch Ensemble suggeriert, das Haus positioniere sich neu und spezifisch, indem es mit seinen Aufführungen auf aktuelle Probleme reagiere. Die ...
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Wo die Handlung zum Gerüst schrumpft, hat die Regie freie Hand, eigene Geschichten zu erfinden. Und genau dies tut die junge französische Regisseurin Mariame Clément in der Berner Inszenierung von Rossinis «Viaggio a Reims» mit großer Fantasie. Vor allem ist jede Geste, jede der ständig wechselnden Personenkonstellationen bis in die Details virtuos gearbeitet, ohne...
Geschlossene Aufführungen von Puccinis «Trittico» sind rar. Das war schon nach der Uraufführung am 14. Dezember 1918 in New York absehbar. Die drei völlig unterschiedlichen Geschichten – «Il tabarro» spielt im großstädtischen Paris der Jahrhundertwende, «Suor Angelica» in einem abgeschiedenen Nonnenkonvent, «Gianni Schicchi» 1299 in Florenz – überzeugten das...
Wagner im Klassenzimmer – die Idee hatte zuerst Peter Konwitschny, als er in Hamburg «Lohengrin» inszenierte. Auch im «Liebesverbot» geht es um die Jugend, konkret: um den Widerstreit jugendlicher Anarchie mit den Gesetzen der Sittenwächter. Ob das Stück, das Wagners Periode des «Jungen Deutschland» spiegelt, auch unter gänzlich veränderten Moralgesetzen aktuell...
