Ortsfremd
Wenn nur das Glied nicht wäre, das da mit bacchantischer Heiterkeit über einer Feuertonne gegrillt wird. Überhaupt Hippolyts Kastration, die Artemis im Zuge der «Gliederrenke» an ihm vornimmt, die umgeschnallten Silikonbrüste. Das gehört zu diesen Dingen, die «keiner sehen will». Eine Henze-Oper, das ist eigentlich schon schwer genug. In der dritten Vorstellung von «Phaedra» ist der Saal nur halb voll.
Manchmal gibt es gute Gründe, Dinge zu zeigen, die keiner sehen will.
Dass die Göttin Artemis – als Countertenor geschlechtlich zweideutig – Hippolyt nach seinem Tod wie Frankenstein neu zusammensetzt, ist Teil des Stücks; dass sie den Königssohn dabei wie Gott nach ihrem Ebenbilde formt, ebenfalls plausibel. Und der zweite Akt enthält musikalisch gerade genug skurrile Heiterkeit für diese grelle Travestie.
Schade nur, wenn Oberflächenreize den Zugang zu einem Werk und einer intelligenten Produktion verstellen – durch falsches Maß oder eine fehlplatzierte Ästhetik. Ein Grund für die Ablehnung des Castorf-«Rings» war die Verpflanzung der Berliner Volksbühnen-Optik nach Bayreuth. Der Blick, den Florian Lutz auf Henzes spätes Stück wirft, scheint eher auf Szeneviertel einer Großstadt ...
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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Wiebke Roloff
«Darf ich das signieren?» Was für eine Frage. Aber natürlich. Wir bitten sogar darum. Wer weiß, wann wir Margarita Marinova noch mal treffen. In ihrem «Archiv», einem winzigen, über und über mit Aufführungsplakaten dekorierten Raum im zweiten Stockwerk des Plattenbaus gleich hinter der Oper. Einem unwirtlichen Kasten mit blinden Fenstern, verzogenen Türen und...
Er habe «immer ein gewisses Vertrauen zur Oper» gehabt, bekannte Friedrich Schiller einmal gegenüber Goethe. Die kleine Lesegruppe im Café des Theaters Magdeburg teilt seine Ansicht. Tapfer hatte man sich zur Vorbereitung auf den Opernbesuch durch Schillers «Braut von Messina» gekämpft – und das Stück, in dem der Dichter den antiken Chor wiederzubeleben suchte,...
Das Neue altert schnell. Dennoch muss man vorsichtig sein, wenn man in einer Stadt wie Lüneburg einen Komponisten wie Paul Hindemith präsentiert, der einst als Bürgerschreck galt. «Neues vom Tage» hatte schon 1929 keinen nachhaltigen Erfolg – obwohl bei der Uraufführung Otto Klemperer am Pult stand. 1953 arbeitete Hindemith das Stück um, aber selbst eine englische...
