Oper(n)ammergau
Der Skandal ist auch nicht mehr, was er einmal war. Als der in Ehren ergraute österreichische Bürgerschreck Hermann Nitsch – in Zusammenarbeit mit dem jungen Schweizer Schauspieler und Regisseur Andreas Zimmermann – im Zürcher Opernhaus Schumanns «Faust-Szenen» auf die Bühne brachte, mochte er nicht auf das Markenzeichen seines «Orgien Mysterien Theaters», die rituelle Ausweidung eines toten Tieres, verzichten.
Weil sich die tatsächliche Aktion aber dort verbot, wurde ein lebensecht präpariertes Kunstschwein unter Zuhilfenahme von beträchtlichen Mengen Theaterblut fachgerecht zerlegt und der ganze Vorgang zusätzlich in doppelter Videoprojektion vergrößert. Wenn Gretchen, auf deren Zusammenbruch in der Domszene der rituelle Vorgang zeichenhaft verweisen soll, am Ende «dieses wiederfindens der realen sinnlichkeit in der kunst» (Nitsch) – «Nachbarin! Euer Fläschchen!» – in Ohnmacht fällt, ist der Gipfel der unfreiwilligen Komik erreicht. Der abendfüllend sich dahinquälende Rest des gänzlich unreflektierten Versuchs, Schumanns Opéra de concert von der imaginierten auf die wirkliche Szene zu hieven, versandet in bleierner Langeweile – ein Oper(n)ammergau mit abstrakten Projektionen aus ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wann hat es ein neues, junges Opernfestival geschafft? Wenn sich die internationale Presse aufmacht ins noch immer etwas abgelegene Baltikum? Wenn sich im Publikum auch Reisegruppen von Opernfreunden finden, die es – etwa in Baden-Baden – sonst eigentlich etwas exklusiver und teurer haben? Wenn auch das einheimische Publikum trotz eher niedriger...
Frau Dessay, Sie scheinen sich Ihre Bühnenrollen überzuziehen wie eine zweite Haut. Wie sehr identifizieren Sie sich mit ihnen?
Auf der Bühne völlig. Aber sonst sind Bühne und Realität für mich zwei sehr unterschiedliche Welten.
Sie nehmen die Figur also nicht mit nach Hause?
Nein, überhaupt nicht. Im Moment, wo ich von der Bühne herunterkomme, bin ich wieder ganz...
Das «Prima la musica»-Postulat in der Oper, so obsolet es ohnehin ist, kann bei einem Werk wie Verdis «Falstaff» geradezu zerstörerische Wirkung haben, denn hier haben wir es mit dem Idealfall einer Symbiose von Text und Musik im Dienste des Theaters zu tun. Als Carlo Maria Giulini diese Musikkomödie vor fünfundzwanzig Jahren in identischer Besetzung in Los Angeles...
