Obstkunst
Seine Schwäche fürs erotische Intermezzo hat «Il turco in Italia» wenig genützt. Rossinis Oper über den Seitensprung wurde zumindest in Berlin seit Ewigkeiten nicht aufgeführt. Man muss das Stück leicht nehmen können. Dass der stets eilige Rossini «Il turco» 1814 nicht allein, sondern mit fremder Hilfe vollendete (bei den Rezitativen und beim Schluss), tat ein Übriges. Außerdem braucht man ein weibliches Zugpferd, das nicht einmal die Hauptrolle spielt.
Was tun, wenn man Maria Callas oder Cecilia Bartoli gerade nicht zur Verfügung hat? Wenn die letzte Berliner Saison-Premiere stoisch genug aufgenommen wurde, so lag’s nicht nur an Christine Schäfer. Sondern an reichlich Revuestrass, Kunstobst und langen Beinen, mit denen das Spektakel zugetanzt wurde. Ein Aufmarsch roter Playmates (mit Sekt), buntes Fifties-Ambiente und der erotische Ruck, der dank des Türken durchs Theater geht, sorgen für Betriebsmunterkeit. Sie verraten aber insgeheim eine moralinsaure Gefühlsfeindlichkeit. Christine Schäfer ist fraglos eine der besten Sängerinnen der Gegenwart. Doch ihre Rossini-Koloraturen bleiben hier und da hängen. Die weiße, eisige Pracht ihres Soprans erkältet die Komödie.
Regisseur David ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Eigentlich wollen wir sie nicht mehr sehen, diese Herren in ihren mausgrauen Anzügen, mit Schlips und Köfferchen. Und dieses Lounge-Mobiliar mit Ledersofa, Rolltreppen, Hotel-Lobby- und Airport-Lifts. Dennoch: Christian Schmidts «Rinaldo»-Ambiente in Zürich geht letztlich doch auf. Zumal, wenn sich herausstellt, dass Ramses Sigls Schlips-und-Kragen-Ballett der...
Ein ungleiches Paar? Nicht wenige Opernkenner durchwehte, und doch recht bang, dieser Gedanke, als Birgit Nilsson und Giuseppe di Stefano im Juni 1961 gemeinsam auf die Bühne der Wiener Staatsoper traten, um die beiden Hauptrollen in Puccinis «Turandot» zu verkörpern. Hier die an Wagner und Strauss gestählte Heroine mit ihrer schier übermächtigen Stimme als...
Die ganze Welt ist grau. Wie eine unüberwindbare, gleichwohl atmende Wand erstrecken sich die Plastikbahnen zur Rechten und zur Linken der Bühne, die Paul Zoller ersonnen; straff gespannt und anthrazit schimmernd auf der Rückseite. Nimmt man nun noch die an der Decke befestigten Neonröhren hinzu, ergibt sich das Bild eines kühl-kargen, unbewohnten Ortes. Es ist...
