Nur «Frozen» ist unpolitischer
Man kämpft sich, vom Bahnhof Friedrichstraße kommend, durch die Masse von Demonstrierenden, die Freiheit und Selbstentfaltung der Frauen im Iran fordern, und denkt sich: «In der Komischen Oper gibt es gleich Nonos ‹Intolleranza›. Da geht es auch um das, was Menschen anderen Menschen antun können!» Und man ertappt sich dabei, die eigene Lebenswelt im zufälligen here and now auf die ganze Welt zu übertragen. Schließlich hat man so etwas von «Jahrhundertpianisten» und anderen Pseudorevolutionären in den sozialen Medien «gelernt».
Man ist so wahnsinnig wichtig, politisch natürlich auf der richtigen Seite – und quasi verpflichtet, das auch immer allen zu erzählen! Während bald wieder Obdachlose draußen erfrieren, checkt die Filterbubble via App, ob die Heizung zu Hause richtig temperiert wurde, für später, nach dem Stück. Und dann das: Der Saal der Komischen Oper ist ein wonniges Winterwonderland! Da gibt es nur ein Problem: Es sieht nicht nach Winter aus, sondern nach Watte, nach Wohlfühlzone, nach Kindergarten. Das Bühnenbild von Márton Ágh erstreckt sich fast über das ganze, größtenteils entstuhlte Parkett. Das Orchester befindet sich im zweiten Rang, Dirigent Gabriel Feltz auf einer ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Arno Lücker
Die Vision der Liebe, der Verständigung und des Verzeihens, die Goethes «Faust II» im himmlischen Chorus Mysticus krönt, beschreibt ein derart allumfassendes Prinzip des (die Titelfigur wie die ganze Welt) erlösenden Ewig-Weiblichen, dass die Bebilderung auf der Bühne sie wohl nur im Kitsch oder der Überzeichnung brechen kann. Ob Arrigo Boito das schon wusste?...
Die Revolution in Frankreich 1789 war auch eine der Oper. Erstmals wurden politische Tagesereignisse auf die Bühne gebracht, ohne mythologische oder komödiantische Verkleidung. Die zwischen 1792 und 1794 entstandenen Revolutionsopern von Grétry, Gossec und Méhul dienten unverhohlen der republikanischen Propaganda, die allerdings schon bald unter Napoleon nicht mehr...
Elf Festivaltage, prall gefüllt mit ebenso vielen Produktionen in 24 Vorstellungen, dazu noch einige Begleitveranstaltungen von Gesprächsformaten bis zu Konzerten, bei denen zumindest zum Teil nicht ganz klar war, ob sie nicht durch ihren Performance-Anteil gleichfalls zum Szenischen gerechnet werden müssten: also doch 13 Produktionen, die 26-mal gegeben wurden?...
