Nur «Frozen» ist unpolitischer

Nono: Intolleranza 1960 BERLIN | KOMISCHE OPER

Opernwelt - Logo

Man kämpft sich, vom Bahnhof Friedrichstraße kommend, durch die Masse von Demonstrierenden, die Freiheit und Selbstentfaltung der Frauen im Iran fordern, und denkt sich: «In der Komischen Oper gibt es gleich Nonos ‹Intolleranza›. Da geht es auch um das, was Menschen anderen Menschen antun können!» Und man ertappt sich dabei, die eigene Lebenswelt im zufälligen here and now auf die ganze Welt zu übertragen. Schließlich hat man so etwas von «Jahrhundertpianisten» und anderen Pseudorevolutionären in den sozialen Medien «gelernt».

Man ist so wahnsinnig wichtig, politisch natürlich auf der richtigen Seite – und quasi verpflichtet, das auch immer allen zu erzählen! Während bald wieder Obdachlose draußen erfrieren, checkt die Filterbubble via App, ob die Heizung zu Hause richtig temperiert wurde, für später, nach dem Stück. Und dann das: Der Saal der Komischen Oper ist ein wonniges Winterwonderland! Da gibt es nur ein Problem: Es sieht nicht nach Winter aus, sondern nach Watte, nach Wohlfühlzone, nach Kindergarten. Das Bühnenbild von Márton Ágh erstreckt sich fast über das ganze, größtenteils entstuhlte Parkett. Das Orchester befindet sich im zweiten Rang, Dirigent Gabriel Feltz auf einer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt 11 2022
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Arno Lücker

Weitere Beiträge
Der König ist glücklich

Die Welt nach Erath ist eine Scheibe, und ungefähr neun Zehntel davon gehören dem Orchester. Die Szene – immerhin ist die Geschichte des Untergangs von Troja und danach die von Liebe und Verrat in Karthago zu erzählen – findet fast ausschließlich auf dem schmalen Randstreifen statt. Daneben ist auf der einen Seite gerade noch Platz für jene sechs Harfen, die...

Es ist ein Schnitter, heißt der Tod

An dem Versuch, Alfred Döblins 1929 erschienenen Großstadtroman «Berlin Alexanderplatz» zu verfilmen oder als Schauspiel zu adaptieren, sind schon viele Regisseure gescheitert. Die offene Form der Montagetechnik, die Vielfalt der simultanen Sprachebenen vom mythologisch-biblischen Tonfall bis zu collagierten Zitaten aus Presse, Werbung und Konsumwelt, nicht zuletzt...

Ein echter Coup

Die Augen, die Wangenknochen, die Bewegungen – es könnte eine Enkelin von Cher sein, gesegnet mit einer Stimme, hell, höhensicher, schlank, mit apartem Vibrato, die für Susanna oder Cleopatra taugt. Doch die Frau ist ein Kerl, wie alle hier, somit authentisch: Zur Zeit der Uraufführung 1729, als die Geistlichkeit ihre Mätressen schwängerte, verbot sie gleichzeitig...