Montierte Zeit
Die letzte Stunde hat geschlagen. Es ist fünf Uhr morgens. Die genaueren Daten aber verweigert Dmitri Tcherniakov in seiner Neuinszenierung von Modest Mussorgskys «Chowanschtschina» an der Bayerischen Staatsoper. Als der russische Jungstar, der in seiner Heimat gleich mehrfach zum «Opernregisseur des Jahres gekürt» wurde, vor anderthalb Jahren an der Berliner Staatsoper Mussorgskys «Boris Godunow» inszenierte, transportierte er die russische Staatsaffäre noch in eine konkrete nahe Zukunft (einen Zeitrücksprung nach dem Tod des Zaren inbegriffen).
Jetzt in München bleibt Tcherniakov abstrakter. Wir erleben, dass diese russische Geschichte an einem Tag abläuft. An welchem Tag, bleibt offen – gottlob. Statt eines Historiengemäldes gibt es Bilder im Betonrahmen zu sehen, Momentaufnahmen und Abstraktionen. Das alles ist uns nahe, auch wenn es nicht zwanghaft heutig sein will: Zar Putin bleibt uns erspart.
Hatte Tcherniakov seinen Berliner «Boris» noch auf die Piazza eines Moskauer Einkaufszentrums verlagert und prompt mit Aktionen überinszeniert, so übt er sich diesmal in Kargheit. Das wie immer von ihm selbst entworfene Bühnenbild zeigt uns Einzelzellen in einer Betonkonstruktion. Nur in ...
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