Mitten unter uns
Der Glaube an die bewusstseinsverändernde Kraft des Theaters hat seine besten Tage hinter sich. Die aristotelische Katharsis, das Lessing’sche Vertrauen in die sittliche Wirkung der Empathie, der Schiller’sche Ruf nach der Schaubühne als moralischer Anstalt – all das kommt uns heute wie Schnee von gestern vor. Aus vielen Gründen. Vor allem wohl, weil die Bühne Anfang des 21. Jahrhunderts als Forum der Verständigung über Individuum und Gesellschaft nur noch eine Nebenrolle spielt.
Die antiken Götter sind entmachtet, die Rebellion des (längst seinerseits erodierenden) Bürgertums gegen die Aristokratie ist erledigt. Und das, was man demokratische Teilhabe nennt, ist aus Parlament und Parkett auf den Bildschirm abgewandert, in die Talkshows des Fernsehens oder die (Chat-)Foren des Internets. Auf der Strecke blieb dabei nicht zuletzt die Vision eines politischen Theaters, das – im Geiste Bert Brechts und Antonio Gramscis – von einer Revolution in den Köpfen träumte, die am Ende eben doch zu der von Marx prognostizierten radikalen Umwälzung der sozialen Verhältnisse und zum Ende der «Vorgeschichte» führen werde.
In dieser Tradition stehen die beiden Bühnenwerke Luigi Nonos: «Intolleranza ...
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Es ist ein starkes Bild, das haften bleibt: Ein schier nicht enden wollender Menschenstrom hastet an einer riesigen Uhr vorbei, deren Zeiger sich viel zu schnell und rückwärts drehen. Wo sind wir? Was bedeutet das? Die Szene steht beispielhaft für das, was sich in den 18 Szenen mit Prolog und Epilog von Michael Obsts Stück «Die andere Seite» abspielt. Rund 100...
Dass der Tod ein Wiener ist, wissen wir spätestens seit Georg Kreisler. Aber eine wienerische Italienerin? Regisseur Tobias Kratzer vollbringt diesen Spagat, indem er die Intrigantin Annina als weiblichen Tod auftreten lässt, und macht gleichzeitig ihren Partner Valzacchi zu einer allegorischen Verkörperung der Zeit – zwei Figuren aus dem Umkreis des...
Für die «Zauberflöte» hat sich René Jacobs viel Zeit genommen. Papageno, Pamina & Co., so schien es, lagen außerhalb der Reichweite eines Musikarchäologen und Dirigenten, dessen interpretatorische Fantasie sich eher aus dem Geiste Monteverdis und der Seria speiste. Das belegen nicht zuletzt seine legendären Exegesen von Mozarts «Figaro», «Così» und «Don Giovanni»,...
