Mit den Augen hören

Fragen an die Altistin Annette Jahns

Frau Jahns, Sie haben bereits Ende der achtziger Jahre in Dresden Schumanns «Liederkreis» auf die Bühne der Kleinen Szene gebracht. Damals war die Idee, Lieder als Mini-Opern zu interpretieren und zu visualisieren, etwas Neues. Was hat Ihr Interesse an szenischen Lieder­abenden ursprünglich motiviert?
Ich hatte eigentlich schon immer den Wunsch, mich beim Singen zu bewegen. Für mich war dieses steife Am-Flügel-Stehen bei Liedinterpretationen ein Kraftakt, der mich mehr anstrengt als die Bewegung im Raum.



Stand somit eine ganz pragmatische ­Erwägung am Anfang?
Ja, das kann man so sagen. Aber bald kam natürlich das Bedürfnis hinzu, für die Lieder eine plausible bildliche Dramaturgie zu entwickeln. Ich wollte für mich einen Weg finden, das Konkrete in und hinter all den kleinen Geschichten aufzuspüren, die da erzählt werden. Gleichzeitig ging es mir darum, den ­inneren Zusammenhang der Zyklen zu verstehen und zu vermitteln, also mich der Frage zu stellen, wa­rum ein Komponist eine bestimmte Folge von Liedern so und nicht anders festgelegt hat. Das Denken in Bildern hat mir dabei sehr geholfen.

Geben Sie mit einer konkreten Bebilderung dem Zuschauer nicht Wahrnehmungsmuster vor, die das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2005
Rubrik: Thema: Szenische Liederabende, Seite 35
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Liebestod in der Zeitmaschine

«Tristan» ist in Italien, neben dem üblichen Verdi-Donizetti-Bellini-Rossini-Repertoire, ein eher selten gespieltes Werk. In Neapel war er zuletzt 1973 zu hören – Operngänger unter fünfzig, die nicht reisen, hatten ihn also noch nie auf der Bühne gesehen. Aber selbst Heuler wie «Traviata», «Aida» oder der «Barbier von Sevilla» müssen, bei höchstens drei oder vier...

Herunter vom Podest

Frau Schäfer, szenische Annäherungen an Schuberts «Winterreise» haben derzeit Hochkonjunktur. Sie haben die vierundzwanzig «schaurigen Lieder» in einem Duisburger Indust­riebau gesungen. Worin besteht für Sie der dramatische Impetus dieses Zyklus?
Ich finde, dass die «Winterreise» gar nicht so schaurig und tragisch ist, wie immer behauptet wird. Natürlich ist der...

Plattenbauoperette

Das alte Klagelied der Leichten Muse: Warum gibt es keine neuen, aktuellen Operetten mehr? Immer nur Wien, Wien, nur du allein, und natürlich Offenbach. Der schaute seiner Zeit und deren Gesellschaft bissig-witzig-aggressiv mit intelligenter Musik und pointierten Texten ins Gesicht und kalte Herz. Noch heute amüsiert uns das, die Machart vor allem, denn die...