Mit den Augen eines Kindes
Dieser Don Carlos ist schon ein seltsamer Kronprinz: Muskulös, im T-Shirt und mit schwarzer Fönfrisur, sieht er aus wie ein ragazzo di vita aus Filmen von Pier Paolo Pasolini. Und während er inmitten von Verdis Liebes- und Staatsaktion immer auf der Bühne weilt, scheint er doch fast unbeteiligt in seiner eigenen Welt zu leben. Es ist die Welt eines Todkranken, der auf sein Leben zurückblickt – aber auch die Welt eines Kindes, das sich nach Zuneigung und Zuwendung sehnt, die ihm von seinem stur auf die Macht und ihre starren Regeln fixierten Vater, König Philipp II.
, permanent verweigert werden. In diesem kühlen Herrscherkalkül will sich Carlos einfach nicht zurechtfinden. Stattdessen hat er sich in kindlichen, von Schmutz und Blut unbefleckten Bilderwelten eingerichtet.
Der belgische Bildhauer und Installationskünstler Hans Op de Beeck lässt im Antwerpener Opernhaus naive Landschaften mit Wäldchen, Burgen und Bogengängen (für das Kloster San Yuste) als Videos vorbeilaufen, Carlos verschiebt vergitterte Kinderzimmerbetten, selbst beim grausamen Autodafé im dritten Akt ist keine Verbrennung der Ketzer zu sehen, sondern ein Skulpturenpark mit überdimensionalem Spielzeug im ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Michael Struck-Schloen
Die Kunst ist krank. Seit sie das klassische Gleichgewicht aus apollinischem Formempfinden und dionysischer Maßlosigkeit zugunsten Letzterer eingebüßt hat, verzehrt sie sich – und mit ihr die Schöpfer, mitunter gar die singenden oder dirigierenden Nachschöpfer des Entgrenzten, des Unbedingten, des Rauschhaften. Richard Wagners sich im «Tristan»-Akkord...
Ein bisschen stolz sind sie schon, die Musikexperten in der Strasbourger Arte-Zentrale. Seit zehn Jahren ist Arte Concert, die digitale Plattform für Klassik, Oper, Jazz, Pop & Rock, Metal, Electronic, Weltmusik, Bühnenkunst und demnächst auch Barockes, auf Sendung – im Netz, umsonst und rund um die Uhr. Fast vier Millionen mal wurde zwischen September 2018 und...
Die Tonart verheißt nichts Gutes. As-Moll, das erinnert weniger an Frühsommerduft als vielmehr an Trübsal, Tristesse und Tragik. Eben die herrscht nun hörbar auch im karg möblierten Schlafzimmer des Kollegienassessors Kowaljow: Schluchzende Glissandi der Posaunen, Violinen, Oboen und Klarinetten dominieren dieses Adagio, ja selbst die Harfe seufzt, und das ist ja...
