Maßlos mit Augenmaß

Klar durchdacht, behutsam tastend: Christof Loy und Stefan Blunier deuten in Stockholm Franz Schrekers «Der ferne Klang» als Echokammer einer Endzeit

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Die Kunst ist krank. Seit sie das klassische Gleichgewicht aus apollinischem Formempfinden und dionysischer Maßlosigkeit zugunsten Letzterer eingebüßt hat, verzehrt sie sich – und mit ihr die Schöpfer, mitunter gar die singenden oder dirigierenden Nachschöpfer des Entgrenzten, des Unbedingten, des Rauschhaften.

Richard Wagners sich im «Tristan»-Akkord kristallisierende Emanzipation der Dissonanz, jener ins Unendliche zielende, sehrende, dauergespannte Klang, der sich erst im transzendierenden H-Dur der finalen morendo-Takte auflöst – er markiert die Initialzündung dieses musik- und womöglich schon kulturhistorischen Fin de Siècle. Richard Strauss sollte ihm in «Salome» (1905) huldigen, Franz Schreker wenig später in «Die Gezeichneten» (1918) und im «Fernen Klang» (1912), einer Oper, die wie kein anderes Bühnenwerk des Expressionismus einem therapeutischen Abarbeiten an der Wagner-Wunde, den Freud-Abgründen und der Untergangsstimmung vor dem Ersten Weltkrieg gleichkommt.

Noch unverblümter als der Bayreuther Meister stellt Schreker sich dabei selbst in den Mittelpunkt seines Werks. Kein kranker Krieger (Tristan), sondern ein kranker Komponist (Fritz), natürlich Heldentenor, sucht ...

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Opernwelt November 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Peter Krause

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