Mit aller Macht

Verdi: Don Carlos
Nürnberg | Staatstheater

Opernwelt - Logo

Dass der geheimnisvolle Mönch des Beginns am Ende die Königin von Spanien mit einem Baseballschläger zerschmettert, ist neu – das muss man Jens-Daniel Herzog lassen. Von Macht will der Regisseur laut Ankündigung erzählen am Staatstheater Nürnberg, was fraglos sinnvoll ist bei Giuseppe Verdis «Don Carlos» (gespielt wird die letzte Bearbeitung der fünfaktigen französischen Fassung aus dem Jahr 1884).

Stattdessen erzählt Herzog allerdings nur von willkürlicher Gewalt, was weniger sinnvoll ist bei einem Stoff, der den Widerspruch zwischen Staatsräson und Humanität gerade in der Gestalt Philipps II. tragisch auszuloten sucht. Doch in Nürnberg ist der König von Spanien einfach ein Schwein, das seine Frau öffentlich entjungfert, die Tochter prügelt, aber trotzdem das Kotzen kriegt, wenn ihm Posa Bilder sterbender Menschen zeigt, und den Marquis deshalb am Ende eigenhändig ersticht.

Für noch gröbere Drecksarbeiten sind die Kirchenvertreter unter Leitung des Mönchs zuständig. Den flandrischen Gesandten schneiden sie, unter Beifall einer karnevalistisch gekleideten Menge, gleich die Kehle durch. Es soll sich wohl um Geheimagenten einer Diktatur handeln, was dem Zuschauer sich aber trotz ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2019
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Michael Stallknecht

Weitere Beiträge
Mit den Augen eines Kindes

Dieser Don Carlos ist schon ein seltsamer Kronprinz: Muskulös, im T-Shirt und mit schwarzer Fönfrisur, sieht er aus wie ein ragazzo di vita aus Filmen von Pier Paolo Pasolini. Und während er inmitten von Verdis Liebes- und Staatsaktion immer auf der Bühne weilt, scheint er doch fast unbeteiligt in seiner eigenen Welt zu leben. Es ist die Welt eines Todkranken, der...

Gefangen

Assoziativ verbindet man mit dem Vornamen Karl zunächst einmal Großes. Doch auch das Widerspiel ist möglich. Etwa beim von Helmut Qualtinger so grandios gezeichneten Präzedenzfall aller Opportunisten, dem Herrn Karl, einem begnadeten Teilhabeverweigerer, der sich stets, wenn er Unglücks ansichtig wird (und sehr aktuell), mit «Karl, du bist es nicht …» aus der...

Zwischen den Welten

Was wohl der weise wie menschenkundige Doktor Marianus zu dieser Szene am Beginn des vierten Akts von «Les Indes galantes» anmerken würde? Er würde vermutlich schweigen, schmunzeln und sehr sanft sein Haupt schütteln. Denn rein gar nichts ist hier von jener reinen Minne zu spüren, die Marianus in der Bergschluchten-Szene aus Goethes «Faust II» besingt, von jener...