Mein Herz so weiß
Am Anfang sind da nur Blicke. Spinnenfeindliche, von gegenseitigem Hass durchtränkte Blicke. Hier die Königin von England, im jungfräulich weißen Ornat; dort die Königin von Schottland, ganz in Witwenschwarz gewandet (die wallenden, rauschenden, den Boden geräuschvoll fegenden Kostüme schuf Klaus Bruns). Um sie herum Stille und Leere: vielsagend. Denn zwischen diesen beiden Frauen wird es, das scheint bereits vor dem Paukenwirbel kein Geheimnis mehr, eine noble Verständigung, ein gegenseitiges Verzeihen kaum je geben.
Zu unüberbrückbar sind die Differenzen, zu tief die Abgründe zwischen der kühl-rationalen Protestantin und der sinnlich-passionierten Katholikin. Ihre Beziehung, was ist sie anderes als die pure Negation der Negation ...
Im Verlauf des Amsterdamer Abends werden sie sich noch häufiger begegnen, diese so unterschiedlichen Naturen. Doch Jetske Mijnssen lässt an der Nationale Opera keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Schicksalswege von Elisabeth und Maria Stuart verhängnisvoll aneinandergekettet sind. Gegensätze ziehen sich eben auch magnetisch an. Und genau darin liegt nicht nur der Reiz dieser konzentrierten, ungemein präzise gearbeiteten Inszenierung. Darin liegt ...
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Opernwelt Juli 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Jürgen Otten
Musikgeschichte kann auf seltsame Weise ungnädig sein. Bei Komponisten etwa, die in der Popularitätslotterie ihrer Zeit reüssierten, dadurch ihren Nachruhm gesichert wähnten, und sich heute bestenfalls als Randnotiz des Repertoires wiederfinden. Felix Weingartner (1863–1942), als gefeierter Dirigent einst Nachfolger Gustav Mahlers im Amt des Wiener...
Wenige Tage nach der Zürcher Premiere von «Lessons in Love and Violence», seiner dritten Oper, konnte George Benjamin den Ernst-von-Siemens-Musikpreis entgegennehmen. Die Ehrung folgt einer eigenen, plausiblen Logik. Der Engländer mit Jahrgang 1960 ist genuin mit der musikalischen Tradition des 20. Jahrhunderts verbunden, er verfügt über reiche Einfallskraft und...
Die Herzen lassen sich nicht betrügen, aber Augentäuschungen zeigen sich allerorten. Von der Weihnachtsmärchen- geht es zur Barocktheaterillusion, vom Zimmer eines Riesen mit gigantischer Milchtüte der Hausmarke «si!» zum Schwetzinger Schlossgarten mit dem attraktiven Bild «Das Ende der Welt» am Ende eines Laubengangs. Selbst die tristen Pfeiler einer...
