Ein Sportstück
Die Herzen lassen sich nicht betrügen, aber Augentäuschungen zeigen sich allerorten. Von der Weihnachtsmärchen- geht es zur Barocktheaterillusion, vom Zimmer eines Riesen mit gigantischer Milchtüte der Hausmarke «si!» zum Schwetzinger Schlossgarten mit dem attraktiven Bild «Das Ende der Welt» am Ende eines Laubengangs. Selbst die tristen Pfeiler einer Autobahnbrücke, auf der weit oben melancholisch der Feierabendverkehr entlangzieht, sind mit den Mitteln bemalter und reizvoll ausgeleuchteter Prospekte darzustellen.
Da hat einer in Ruhe getüftelt, und so viel Schauwert ist selten im regelmäßig bespielten Rokoko-Bau von Schwetzingen.
Auch die Ohren staunen. Die Oper «Zemira e Azor» tritt uns musikalisch als quicklebendiges Mischwesen entgegen, zwischen Barock, Mozart und Belcanto. Die Musik atmet dabei Freiheit und Individualität, als dürfte sie ohne Korsett auftreten, was zwar nicht möglich ist in einer französischen Oper des 18. Jahrhunderts. Aber André-Ernest-Modeste Grétry (1741–1813) und sein Librettist Jean-François Marmontel (1723–1799) gehen schon relativ weit in einer anmutigen und unmittelbaren Verknüpfung von Wort und Note.
Indem sie auf einen Stoff aus den lyrischen ...
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Opernwelt Juli 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Judith von Sternburg
Übermannshohe Geschenkschachteln, die auf der Drehbühne kreisen, zum Wohnzimmer mutieren, zum Badezimmer, adligen Salon, unentwirrbaren Straßengeflecht. Wenn Fadinard bloß wüsste, in welcher dieser verdammte Florentiner Hut steckt! Der Hut einer nicht allzu ehrbaren Dame, den sein Pferd gefressen hat, ausgerechnet am Morgen des ersehnten Hochzeitstags. Weshalb ihm...
Als Frau auf die Welt zu kommen sei «die größte Strafe», sagt Amelia in Federico García Lorcas Schauspiel «Bernarda Albas Haus». Es ist die letzte unter den großen Frauentragödien des 1936 von den Faschisten ermordeten spanischen Dichters, die sämtlich von der Unterdrückung weiblicher Sexualität, von der verwehrten Erfüllung weiblicher Liebe in einer archaischen...
Eigentlich war, sieht man von den Wolken ab, die mürrisch über dem Festspielhaus kreisten und einen missmutigen Blick auf Arno Brekers frisch eingeweihte Wagner-Büste warfen, vieles wie immer an diesem 16. August 1955 in Bayreuth. Auf dem Programm stand Wieland Wagners «Parsifal»-Inszenierung, die ihre Premiere vier Jahre zuvor, bei den ersten Bayreuther...
