Mächtig ohnmächtig
Das erste Mirakel des Abends ist das Orchester der Opera Vlaanderen. Man hört das knappe Vorspiel zum Prolog so seidenfein leicht und fast beiläufig, wie Verdi es sich wohl gedacht hat. Und was suggestiv beginnt, hält und trägt durch den gesamten «Boccanegra». Alexander Joel bringt die Wunderklänge dieser Partitur zum Sprechen, lässt die Details glänzen, behält zugleich Luft und Übersicht fürs große Ganze, für die weiten Bögen.
Und im pezzo concertato des ersten Finales entdeckt er noch Reserven im Orchester, um überwältigend zu realisieren, was hier genauso gemeint ist: Überwältigung.
Die zweite Denkwürdigkeit dieses flämischen «Boccanegra» ist der Bariton des Nicola Alaimo. Flexibel, wortgenau und mit immer klaren Farben trägt er dem Bild des Titelhelden, einem von Verdis mächtigen Ohnmächtigen, immer mehr Schichten auf. Faszinierend die reiche Höhe der Stimme. Dieser Doge ist ein Berg an Zartheit, aber wenn es sein muss, das Volk zur Ordnung gerufen werden muss, dann kann er auch furchterregend sein. Und er versteht es, in einem einzigen Wort und Ton zusammenzuballen, was ihn und was dieses komplizierte Stück um Väter, Macht, Feindschaft und Liebe bewegt: «Figlia», nach hinten ...
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Opernwelt April 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Holger Noltze
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