Lob des Handwerks
Da sitzt er an der Orgel, im ersten Theater auf diesem Grund.» Der Operndirektor der Londoner Royal Opera schreitet sein Büro ab und erzählt von einer geplanten Händel-Serie. Die Bilder hat Oliver Mears sorgsam ausgewählt: Sie sagen viel aus über ihn, seine Suche nach einem Profil für Covent Garden. «Beggar’s Opera», Theaterbrand, Wiederaufbau. Mears unterstreicht, dass das Haus an Covent Garden nach dem Zweiten Weltkrieg geistig dem National Health Service nahe stand: für alle, nicht bloß die happy few.
Uraufführungen bleiben wichtig, sagt er, dabei deutet er auf John Pipers Entwürfe zu «Billy Budd». Spricht vor einer Szene aus Peter Brooks «Salome»-Produktion, über Autorentheater und Provokation. Mahler, Wagners «Ring» dirigierend: Symphonie-Dramatiker trifft Gesamtkunstwerk. Diese Menschenmassen, die in den 1920ern um Karten anstanden, wünscht er sich auch.
Der 39-Jährige mit den zarten Zügen tritt ernsthaft auf, er ist belesen, über die Maßen eloquent. Das passt. Einst wollte er Autor werden. Inszenierte sein erstes Drama selbst, schwenkte um auf Regie, heuerte als Assistent bei dem Dramatiker Howard Barker an. Nachdem er in London endlich seine erste Oper live gesehen hatte ...
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Gefühlt hätte der Stoff für zwei, drei Opern gereicht. Doch Rodolphes Vernarrtheit in Agnès, die seinen Bruder heiraten muss, das Auffliegen dieser Liebe, Rodolphes Verbannung – all das geschieht im ersten Akt von Gounods «Nonne sanglante». Da gespenstert die blutige Gottesbraut noch gar nicht durch die Gänge. Agnès soll als besagte Nonne verkleidet fliehen....
Im Hauptberuf ist Berthold Seliger Konzertagent. Seit drei Jahrzehnten. Sein Geld verdient er mit Künstlern wie Lou Reed, Patti Smith oder Rufus Wainwright. Nebenbei meldet sich Seliger gern und häufig als scharfzüngiger Kulturkritiker zu Wort, der in Aufsätzen und Büchern gegen die Monopolisierung des Musikgeschäfts oder das «gebührenfinanzierte Staatsfernsehen»...
Über Aktualität und Relevanz der Oper wird seit ihren Anfängen gestritten. Und die Rhetorik der Unmöglichkeit, ja vom Tod der Gattung bildet von jeher die Begleitmusik. Besonders an ihrer Inszenierung, am zeitgebunden wechselnden Zusammenspiel von Klang, Körper, Kostüm, Licht und Raum entzünden sich immer wieder heftige Debatten. Doch was heißt es eigentlich, die...
