Zwischen Form und Emotion

Glucks «Orfeo», mit Philippe Jaroussky in der Titelrolle und Diego Fasolis an der Spitze von I Barocchisti

Opernwelt - Logo

Gesagt ist gesagt – das wird durch’s irre Lachen hinterher auch nicht besser: Die Figuren, die Gluck auf die Bühne stelle, seien so erhaben, dass sie klängen, «als würden sie Marmor scheißen», behauptet Amadeus in Miloš Formans Film. Das klingt durchaus nach Mozarts flottem Mundwerk. Doch dass er dies auch wirklich so gesagt hat, möchten wir bezweifeln. Denn Mozart wusste vermutlich sehr wohl, dass die mythischen Charaktere schon in Glucks Reformopern im Sinne des Sturm und Drang gebrochen waren.

Menschen versteckten ihre Persönlichkeit nicht mehr hinter starren Affekten, sie erlaubten sich durchaus persönliche Gefühle.

In diesem Sinne bemüht sich auch Philippe Jaroussky in seiner neuen Einspielung, einen menschlich berührenden Orpheus vorzuführen. Freilich, er singt schön. Für manche vielleicht zu schön. Aber er scheint jener stimmigen Balance zwischen Form und Emotion verpflichtet, welche Eigenart der Wiener Klassik war. Kein depressiver Goldschmied verfertige traurige Armbänder, sagte der Wiener Schriftsteller Hans Weigel einmal.

Im Übrigen griff Jaroussky für diese Einspielung auf die 1774 im Hoftheater zu Neapel aufgeführte Version zurück (wobei diese sich wiederum auf ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 23
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Rheinsberger Geschichten

Von der Aura Friedrichs II., den auf Schloss Rheinsberg bekanntlich die Musen küssten, zehren sie heute noch in der märkischen Kleinstadt. Deshalb ist die Versuchung groß, die Zukunft in der Vergangenheit zu suchen. Seit der Wende residieren Kammeroper und Musikakademie in dem preußischen Ensemble am Grienericksee. Knapp drei Jahrzehnte nach der Gründung sollen das...

Editorial August 2018

Traditionen haben etwas Gutes. Sie sichern und überliefern wertvolle Bestände, sie wirken stilbildend. Im Leben wie in der Kunst. Und eben auch in der Oper. Ohne Tradition, ohne den Blick zurück auf seine Anfänge, würde dieses Kraftwerk der Gefühle über kurz oder lang vermutlich stillstehen, zur musealen Einrichtung verstauben – zur Form ohne lebendigen Inhalt....

Sehen und gesehen werden

Die einen wollen nichts sehen – gründen gar eine ganze Familienkultur darauf. Am deutlichsten wird das im vierten Akt, als Arkel die schöne Mélisande ganz und gar ungroßväterlich auf den Mund küsst, als wollte er ihr die Jugendfrische aus dem Leib saugen: «Hast du Angst vor meinen greisen Lippen?» Da legen die Umstehenden, wie so oft in Stefan Herheims...