Liebeszauber, Wüstenleid
Zwei Schwestern. Schön, reich und mächtig, von Männern umschwärmt, von Dienern umsorgt. Zwei Schwestern – alt, grau und einsam, verloren in Erinnerungen beim Betrachten eines ausgestopften Tieres hinter Glas.
Katie Mitchell inszeniert zum vierten Mal in Aix. Auch für Händels «Alcina» nutzt sie einen vielfach geteilten Raum, lässt mehrere Szenen gleichzeitig ablaufen. Chloe Lamford hat ihr ein zweistöckiges Gebäude auf die Bühne des Grand Théâtre de Provence gestellt. Im Zentrum das Schlafzimmer, in dem Alcina und Morgana ihre Bettgeschichten ausleben.
Dienstboten gehen ihnen selbst beim Schäferstündchen noch zur Hand: ein monströses Uhrwerk organisierter Intimität. Reichen Sextoys ins Gemenge, lernen gar den neuen Liebhaber an. Die als SEK-Offizier verkleidete Bradamante gerät nämlich gehörig aus dem Konzept, als man ihr eine Gerte in die Finger drückt – Morgana braucht Erniedrigung, um auf Touren zu kommen. Alcina hingegen will von Ruggiero bloß, dass er sich auf den Rücken wirft und gründlich benutzen lässt. Erst später wagt sie selbst, sich Zärtlichkeiten hinzugeben. Da hat die Erosion ihres fragilen Imperiums längst begonnen.
Links und rechts des Schlafzimmers befinden sich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Wiebke Roloff
Vorn, ganz nah am Wasser des Bodensees, ein in Blau getränkter Raum. Das Refugium des Calaf, zugleich aber auch die Arbeitsklause des Komponisten. Auf dem Klavier windbewegte Noten. Sinnend hockt er da und betätigt eine Spieluhr, wie auch Giacomo Puccini eine besaß. Es ertönt eine Melodie, die nachher auch in dessen letzter, unvollendeter Oper «Turandot» erklingt....
Rossini hat Olga Peretyatko Glück gebracht. Auftritte beim Festival in Pesaro haben ihrer Karriere seit 2006 jenen Schwung gegeben, der sie an viele große Bühnen der Welt führen sollte. Einige Rossini-Arien hatte die Sängerin schon auf ihrem vor vier Jahren erschienenen Debütalbum «La bellezza del canto» gesungen, das jüngste Album ist nun ganz der Musik dieses...
Franz Schrekers 1912 uraufgeführte Oper «Der ferne Klang», in der der Komponist Fritz auf der Suche nach dem «rätselhaft weltfernen Klang» seine Geliebte Grete verlässt, das Leben versäumt und die Liebe verspielt, ist ein Schlüsselwerk des Fin de Siècle. Schreker hat in das selbstgedichtete Libretto alles gepackt, was im Wien der Jahrhundertwende aktuell war – den...
