Leinwandmärchen

Massenet: Cendrillon
Münster | Theater

Jules Massenets «Conte de fées», seine Lesart also des über das Aschenbrödel-Märchens, wird selten gespielt. Wie Rossini in der ungleich populäreren Version «La Cenerentola» setzt auch Massenet in seiner 1899 uraufgeführten Märchenoper die ekstatischen Traumbilder von Cendrillon und ihrem Märchenprinzen – im französischen Original «Le Prince Charmant» – in einen musikalischen Kontrast zur realen, karikierten Familienwelt wie der steifen Welt des Hofs.

Roman Hovenbitzer hatte für seine Inszenierung in Münster, angeregt durch Woody Allens Film «The Purple Rose of Cairo», den überzeugenden Einfall, für diesen Gegensatz von prosaischer Wirklichkeit und illusionistischer Realitätsflucht ein heutiges Pendant zu finden – die Traumfabrik des Kinos. Wenn sich der Vorhang öffnet, blicken wir in einen vollbesetzten Saal, in dem Cendrillon als kleine, unter dem Regiment ihrer bösen Stiefmutter leidende Putzkraft gerade das Ende eines Stummfilms über ihre eigene Geschichte sieht.

Hovenbitzer behält diesen Rahmen, leicht abgewandelt im königlichen Palast des zweiten wie in der Winterlandschaft des dritten Akts, für alle Bilder bei. Aus der Kinoleinwand treten die als Schneekönigin im weißen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Gebrochen

«Gloriana» – so bejubelten die Untertanen ihre Kö­ni­gin Elisabeth I. nach dem Sieg der englischen Flotte über die Große Armada der Spanier anno 1588. Doch Elisabeths Alltag war wenig glorreich: Umgeben von
intriganten Höflingen, innerlich zerrissen, galt ihre Zuneigung dem drei Jahrzehnte jüngeren Robert Devereux. Dass der Graf von Essex ihr Günstling war, ist...

Kernige Noblesse

Die Tenor-Partien seiner 29 Opern hat Giuseppe Verdi für 21 Sänger geschrieben. Sein erster Favorit war Gaetano Fraschini, vom Typus her wohl ein lirico-spinto, ähnlich wie Raffaele Mirate, der erste Manrico. Für Alvaro fand er in Enrico Tamberlik einen echten spinto, während er aus der Partie des Don Carlos eine Arie streichen musste, um Jean Morère seine Aufgabe...

Kontraste

Seit über 100 Jahren bilden Leoncavallos «Pagliacci» und Mascagnis «Cavalleria rusticana« auf der Opernbühne eine Schicksalsgemeinschaft, so selbstverständlich, dass selten mal jemand darüber nachdenkt, ob das überhaupt stimmig ist. Leipzigs Chefdramaturg Christian Geltinger tat es nun – und kam zu dem überraschend naheliegenden Schluss, dass sich beide Stücke...