Leidenschaft und Anämie
Nikolaus Harnoncourt meinte einmal, wenn man sich die leidenschaftlichen Plastiken eines Bernini ansehe, könne man sich nicht vorstellen, dass die Musik jener Zeit weniger leidenschaftlich gewesen sei. In der Tat ist die Meinung, dass das artifizielle Element des Barockgesangs zugleich stimmfarbliche Anämie bedeute, historisch kaum belegbar. Freilich schien mit dem Aufkommen des «period style», eines vermeintlich authentischen barocken Vokalstils, ein radikaler ästhetischer Paradigmenwechsel unvermeidlich.
Vor einem Vierteljahrhundert verteidigte Christopher Hogwood im Gespräch mit dem Schreiber dieser Zeilen den von ihm mitinitiierten puristisch-artifiziellen Gesangsstil: Händel könne eben nicht mit der Ausdrucksskala einer Verdi- oder Puccini-Primadonna gesungen werden. «Dramatischer Ausdruck schön und gut, aber Händel hatte seinen eigenen.» Keine Frage. Doch welchen? Würde Francesca Cuzzoni, Händels «Teufelin», die auf der Bühne nach Johann Joachim Quantz’ Aussage freilich «unschuldig und rührend» sang, in heutigen Ohren tatsächlich klingen wie eine Emma Kirkby?
In einem anderen Gespräch konzedierte der legendäre Schallplattenproduzent Peter Andry, der vibratolos-schlanke, den ...
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