Lauter Posen
Das Gesicht ist klassisch schön, dunkel, klug, nachdenklich blickt es in einen Tischspiegel. Seit Beginn dieser Spielzeit empfängt Mary J. Blige als «Queen B.» solcherart das Publikum im Zuschauerraum der Wiener Staatsoper. Die Rhythm-and-Blues-Diva findet sich im Mittelpunkt eines fotorealistischen Tableaus der afroamerikanischen Konzeptkünstlerin Carrie Mae Weems, der mit großer Geste den originalen Eisernen Vorhang (eine altmeisterliche Orpheus-Szenerie auf Goldgrund des als NS-Sympathisant verschrieenen Malers Rudolf Hermann Eisenmenger) überdeckt.
Ioan Holender hatte solche «Verhängungen» 1998 eingeführt; dies ist die nunmehr dreiundzwanzigste und zweifellos attraktivste – opulent, erotisch, zugleich aber eine ironische Kritik am Kolonialismus, aufgeschäumt nach Art eines barocken Stilllebens mit Stereotypen der westlichen kulturellen Repräsentation. Tendenziell passt dies sehr gut zur Eröffnungspremiere der Ära von Neo-Direktor Bogdan Roščić. Denn auch Puccinis «Madama Butterfly» ist kaum vom Vorwurf westlicher Überheblichkeit freizusprechen, was selbst die modische Eleganz von Anthony Minghellas Inszenierung nicht vergessen macht. In kaum einer anderen Oper wird die Arroganz ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Gerhard Persché
Wie alle italienischen Festivals, so hat auch Pesaro beschlossen, auf jeden Fall ein (wenngleich reduziertes) Programm anzubieten, mit einer Produktion im Teatro Rossini und verschiedenen Open-Air-Konzerten auf der Piazza del Popolo; dort wurde eine Bühne gebaut, die aufgrund der geltenden Hygieneauflagen 600 statt der üblichen 1000 Besuchern Platz bot. Im Teatro...
Lullys letzte, 1686 uraufgeführte Oper «Armide» überdauerte alle Stürme der Zeit und stand bis 1766 regelmäßig auf dem Spielplan der Pariser Opéra – in freilich zunehmend übergriffiger Bearbeitung, bis ihr schließlich Glucks Opernreform, wie der französischen Tragédie en musique insgesamt, das Lebenslicht ausblies. Als Gluck dann 1777 das Sakrileg beging, Philippe...
Gemeinhin gilt eine Filmmusik dann als adäquat, wenn sie hinter oder unter den Bildern so verschwindet, dass man sie nicht mehr bewusst wahrnimmt: Musik als Funktionsträger, als Geschmacksverstärker. Damit hat freilich der 61-jährige Kölner Johannes Kalitzke nichts am Hut. Seit geraumer Zeit beschäftigt sich der Komponist und Dirigent (nicht nur in eigener Sache)...
