Die Last der Geschichte
Volles Haus in Zürich. Das Opernhaus dort hat Platz für 1150 Zuschauer, 900 dürfen nun rein, die Gesichtsmasken allerdings muss man auch während der Vorstellung tragen. Nur: Das Orchester ist nicht da. Die Philharmonia Zürich nimmt im Orchesterprobenraum Platz, ebenso der Chor. Dieser ist einen Kilometer vom Opernhaus entfernt, die Live-Übertragung erfolgt über Glasfaserkabel, worüber ein kurzes Video informiert. Das Publikum im Opernhaus spendet fröhlich Auftrittsapplaus, die Musiker grinsen.
Eine großartige Idee! Mit Wahrung der Abstandsregeln wäre im Graben nie und nimmer genug Platz für ein Orchester der Größe, die Modest Mussorgskys «Boris Godunow» verlangt. So aber kann in voller Besetzung gespielt werden. Die Anlage überträgt den Klang sehr plastisch, man hört die Orchesteraufstellung, links die Geigen, rechts die Celli – über weite Strecken vergisst man völlig, dass man nur der Musik aus den Boxen lauscht, zumal die Synchronisation mit dem Geschehen auf der Bühne fast makellos funktioniert. Dazu modelliert Kirill Karabits den Klang äußerst wach und aufmerksam; nur in den großen Massenszenen vermisst man den Druck, das Brachiale, den diese Musik haben kann – man spielt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Egbert Tholl
Den Brüdern Edmund und Jules de Goncourt verdanken wir nicht nur einen renommierten französischen Literaturpreis, sondern auch den Aphorismus, die Anekdote sei der Groschenbasar der Geschichte. Mit Letzterem kokettierte zweifellos Rosina Storchio (1872–1945), Puccinis erste Butterfly. Denn die Diva verkörperte bei der Uraufführung von Leoncavallos «Zazà» anno 1900...
Candide, Voltaires unverbesserlicher Optimist von Leibniz’ Gnaden, war nach seiner Verbannung aus dem westfälischen Heimatschloss an vielen Orten dieser besten aller Welten zu Gast. Er durchstreifte Surinam und Paraguay, machte Abstecher nach Cadiz, Konstantinopel und Lissabon, suchte sein Glück (oder besser: die geliebte Cunégonde) in El Dorado, weilte in der...
Gibt es so etwas überhaupt? Eine «freundliche Einsamkeit» und «amouröse Brisen»? Nun ja, bei Wolfgang Amadé Mozart schon, genauer: in jenem zartgliedrigen, leuchtend-verträumten Accompagnato-Rezitativ aus «Idomeneo», das über einem liegenden A-Dur-Akkord anhebt und in der Folge einen samtenen Teppich aus sordinierten Streichern und Klarinetten webt, darauf die...
