Die Last der Geschichte
Volles Haus in Zürich. Das Opernhaus dort hat Platz für 1150 Zuschauer, 900 dürfen nun rein, die Gesichtsmasken allerdings muss man auch während der Vorstellung tragen. Nur: Das Orchester ist nicht da. Die Philharmonia Zürich nimmt im Orchesterprobenraum Platz, ebenso der Chor. Dieser ist einen Kilometer vom Opernhaus entfernt, die Live-Übertragung erfolgt über Glasfaserkabel, worüber ein kurzes Video informiert. Das Publikum im Opernhaus spendet fröhlich Auftrittsapplaus, die Musiker grinsen.
Eine großartige Idee! Mit Wahrung der Abstandsregeln wäre im Graben nie und nimmer genug Platz für ein Orchester der Größe, die Modest Mussorgskys «Boris Godunow» verlangt. So aber kann in voller Besetzung gespielt werden. Die Anlage überträgt den Klang sehr plastisch, man hört die Orchesteraufstellung, links die Geigen, rechts die Celli – über weite Strecken vergisst man völlig, dass man nur der Musik aus den Boxen lauscht, zumal die Synchronisation mit dem Geschehen auf der Bühne fast makellos funktioniert. Dazu modelliert Kirill Karabits den Klang äußerst wach und aufmerksam; nur in den großen Massenszenen vermisst man den Druck, das Brachiale, den diese Musik haben kann – man spielt ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Egbert Tholl
Frau de Beer, Sie sind seit einigen Jahren eine der gefragtesten Regisseurinnen der jüngeren Generation. Zittern Sie dennoch zuweilen und stellen sich die Frage: «Wollen die mich noch?»
Ich zittere immer. Auch dann, wenn ich Anfragen für die nächsten zwölf Monate habe, aber für das Jahr danach noch gar nichts.
Ist das ein Grundgefühl auch während der Arbeit?
Nein,...
Man sieht es, das Drama. Und muss sogleich an Heinrich Heine denken, an die zweite und dritte Strophe seines tieftraurigen «Traum»-Gedichts, darin die Seele des Dichters so unverkennbar leidet an der Welt. «Ich habe im Traum geweinet, / Mir träumt’, du verließest mich. / Ich wachte auf, und ich weinte, / Noch lange bitterlich. – Ich hab’ im Traum geweinet, / Mir...
Im Anfang ist nicht das Wort. Sondern festliche Musik, wiewohl ironisch verfremdet. Das Orchester spielt die Introduktion zum dritten Akt von Händels «Salomo», aus der Tiefe des Raums kommt Valery Tscheplanova, auf High Heels, im hautengem Kostüm, in Händen die sternenbekränzte USA-Flagge. Einzug der Königin von Saba? Ja und Nein. Ja, weil erotische Energien...
