Jenseits der Linearität
Die Staatsoper Unter den Linden eröffnet ihren Premieren-Reigen traditionell am Tag der Deutschen Einheit und wählt dafür gern ein symbolträchtiges Stück. In diesem Jahr war es Luca Francesconis «Quartett» nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heiner Müller. Der Dramatiker imaginiert darin die Hauptfiguren von Choderlos de Laclos’ Briefroman «Liaisons dangereuses», die Intrigantin Merteuil und den Verführer Valmont, als ehemaliges Paar, das sich noch einmal seine gegenseitige Abneigung und Abhängigkeit vorspielt, bis hin zum Geschlechtertausch.
In der steilen Abwertung und Unterordnung von Menschen durch Sex und Gewalt, Machination und Verführung scheint zugleich ein politischer Gehalt verschlüsselt.
Der 1956 geborene Francesconi hat das Stück ursprünglich in englischer Übersetzung vertont, für diese Aufführung aber Müllers deutsches Original zugrunde gelegt: Damit wird zwar die enorme Kälte und sexuelle Drastik des Textes in den Übertiteln ungefiltert lesbar – aber auch klar, dass Francesconis Vertonung mit dieser Tonlage nichts anzufangen weiß. Die Gesangsstimmen verbleiben im Modus expressiver Rede, während der Orchesterpart – verdoppelt durch ein elektronisches und im Raum ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 31
von Peter Uehling
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Ihre Exzellenz war sichtlich not amused. Eines Kaisers und Königs unwürdig sei das, was sie da am Abend des 6. September 1791 auf der Bühne des Prager Nationaltheaters gesehen habe, schlimmer noch, «una porcheria tedesca», eine deutsche Sauerei. Weit gefehlt, möchte man der strengen Katholikin Maria Ludovica posthum zuraunen. «La clemenza di Tito» auf ein Libretto...
Wie oft müsste man leben, um aus dem Tod klug zu werden?» Der Schriftsteller und Philosoph Elias Canetti formulierte diese Frage in seinen zahlreichen Schriften über den Tod, mit dem er haderte, den er am liebsten abgeschafft hätte – «wenn es ginge». Allein, es geht nicht. Bislang. Man weiß nicht, ob Andriy Zholdak ähnlich wie Canetti dem Tod den Krieg erklärt...
