Kulturtransfer

Wagner: Tannhäuser
Darmstadt | Staatstheater

Opernwelt - Logo

Am 15. Juni noch einmal in Darmstadt. www.staatstheater-darmstadt.de

Prozession einmal anders. Die weibliche Hofgesellschaft trägt beim feierlichen Einzug in die Wartburg den Hidschab; die Ritter an ihrer Seite halten sich an den Koran. Der iranische Regisseur und Theaterautor Amir Reza Koohestani, der in Darmstadt mit Wagners «Tannhäuser» seine erste Oper inszenierte, verlegt den Sängerwettstreit um das wahre Wesen der Liebe vom christlichen Mittelalter in eine muslimische Gesellschaft der Gegenwart. Wir sehen – auf regenbogenfarbener Treppe vor leuchtender Plexiglaskulisse – eine Casting-Show mit orientalischem Flair.

Das Format ist aus dem Westen importiert, die Benotung indes erfolgt nach strengem Moralkodex. Die Wartburg als Hort muslimischer Werte – diese Umdeutung wirkt zunächst als gewagter Eingriff. Was auf den ersten Blick als provokante Anspielung auf die aktuelle Debatte über Flüchtlingskrise und Angst vor Islamisierung erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen jedoch als Vermittlungsversuch. Mittels eines Zeitsprungs in die moderne islamische Gesellschaft versucht der Regisseur, den Stoff für die Gegenwart zu retten. Durch diesen Transfer erhält der nach heutigen Moralvorstellungen nur schwer vermittelbare Konflikt des Werkes neue ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Silvia Adler

Weitere Beiträge
Unerfülltes Versprechen

Wenn der Hirsch röhrt, ist das in einer heutigen Aufführung einer romantischen Oper nur als ironisches Zitat zu verstehen. Bei Yona Kims Inszenierung von Robert Schumanns «Genoveva» am Nationaltheater Mannheim darf man sich da nicht so sicher sein. Denn das Gemälde, das an einer hellgrauen Wand aufgehängt wird, ist ästhetisch einwandfrei gearbeitet; die Hirschkuh...

Desaster mit Ansage

Seit der Spätantike wird in Trier Theater gespielt. Und das soll wohl auch künftig so bleiben. Die Stadt sucht nach dem turbulenten Interregnum von Karl M. Sibelius eine frische künstlerische Leitung. Die Eskalation, die zum Rauswurf des Österreichers nach einem guten Jahr führte, war freilich hausgemacht, begünstigt durch Fehlleistungen der Kommunal- und...

Zwischen den Polen

Der Potentat bleibt unsichtbar, vier Stunden lang. Aber man hört ihn, seine Allmacht, die sich sogar über die (vier) Vorzeichen hinwegzusetzen vermag. Magische drei Mal erklingt gleich zu Beginn Keikobads markant-düsteres as-moll-Initial; punktiert, fortissimo fällt es in den Raum, wie ein Baumstamm, aus dem heraus sich, piano, das zaghaft-zaudernd aufwärts...