Kritik tut not
Meine frühesten Opernerfahrungen datieren in die 1960er-Jahre zurück. Sie bestanden aus stundenlangem Anstehen um Karten, aus dem Erlebnis einer Vorstellung, bei der für die 14-, 16- oder auch 20-Jährige alles aufregend neu war – das Werk, die Aufführung, die Sänger, das ganze Drumherum –, und aus dem Blick in die Zeitung zwei Tage später, um zu erfahren, was der Kritiker (sie waren alle männlich, damals) dazu zu sagen hatte.
Manchmal sprach er mir aus der Seele, manchmal nicht: Aber in beiden Fällen war ich froh, meine eigenen, sehr unsicheren Urteile an denen einer Autorität in Sachen Oper schärfen zu können. So mancher Leserbrief entstand damals in meinem Kopf – und blieb, vermutlich sinnvollerweise, ungeschrieben. Aber meine Leidenschaft für die Oper, dieses «unmögliche Kunstwerk», mit dem die Musikwissenschaft jenseits der Partitur so lange so wenig anzufangen wusste, datiert in jene Zeiten zurück, als ich stumme, unausgesprochene Diskussionen mit Kritikern führte, die in denselben Aufführungen gesessen hatten wie ich. Und wenn ich später, als die Musikwissenschaft erst mein Studium und dann mein Beruf wurde, gerade deshalb ein besonderes Interesse an der Oper entwickelte, ...
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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 110
von Silke Leopold
Eine Überraschung ist es nicht: Schon in den vergangenen Jahren hat Tobias Kratzer mit extravaganten, faszinierend verstörenden, dabei stets diskursiven Regiearbeiten das gesteigerte Interesse von Publikum und Kritik auf sich gezogen. Seine «Tannhäuser»-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen 2019, die nun zur «Aufführung des Jahres» gewählt wurde und für die...
Zwei Schwestern. Einander so ähnlich und doch so unterschiedlich. Was sie dennoch eint, ist die Fähigkeit, Bilder zu kreieren, tatsächliche und imaginäre. Und ganz gewiss steckt dem Kino das illusionistische Musiktheater bereits in den Genen – was niemand so scharfsinnig erkannte wie Theodor W. Adorno, als er, in Anlehnung an Nietzsche, bemerkte, in Wagners...
Wenn der Musikjournalismus stirbt, dann stirbt die Opernkritik zuletzt. Wenn auch seltener und kürzer, hält sie sich noch im Feuilleton und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Eine Stichprobe in der Schweizer Mediendatenbank zeigt, dass die Berichterstattung sogar zunimmt. Dass die Opernkritik dabei sturmfester ist als die Berichterstattung über andere Gattungen,...
