Kritik tut not

Meine frühesten Opernerfahrungen datieren in die 1960er-Jahre zurück. Sie bestanden aus stundenlangem Anstehen um Karten, aus dem Erlebnis einer Vorstellung, bei der für die 14-, 16- oder auch 20-Jährige alles aufregend neu war – das Werk, die Aufführung, die Sänger, das ganze Drumherum –, und aus dem Blick in die Zeitung zwei Tage später, um zu erfahren, was der Kritiker (sie waren alle männlich, damals) dazu zu sagen hatte.

Manchmal sprach er mir aus der Seele, manchmal nicht: Aber in beiden Fällen war ich froh, meine eigenen, sehr unsicheren Urteile an denen einer Autorität in Sachen Oper schärfen zu können. So mancher Leserbrief entstand damals in meinem Kopf – und blieb, vermutlich sinnvollerweise, ungeschrieben. Aber meine Leidenschaft für die Oper, dieses «unmögliche Kunstwerk», mit dem die Musikwissenschaft jenseits der Partitur so lange so wenig anzufangen wusste, datiert in jene Zeiten zurück, als ich stumme, unausgesprochene Diskussionen mit Kritikern führte, die in denselben Aufführungen gesessen hatten wie ich. Und wenn ich später, als die Musikwissenschaft erst mein Studium und dann mein Beruf wurde, gerade deshalb ein besonderes Interesse an der Oper entwickelte, ...

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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 110
von Silke Leopold

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