Konkrete Utopie
Zugegeben, die Handlung verwirrt, schon allein die Fährnisse der weiblichen Hauptfigur machen schwindelig. Mag ihr Namenswechsel von Maria zu Amelia noch angehen, droht die Biografie der jungen Frau als Opfer eines Raubes, vertauschtes Findelkind, wiedergefundene Tochter Boccanegras und Enkelin seines patrizischen Erzfeindes Fiesco das Publikum zu überfordern. Und doch: Trotz solcher Einwände gegen das übermäßig Verwickelte des Werks steht fest, dass diese dramaturgischen Salti mortali Giuseppe Verdi ein packendes Musiktheater entlockten.
Fiel die Uraufführung 1857 am La Fenice in Venedig noch durch, wurde die 1881 an der Scala herausgekommene Umarbeitung, für die sich der Komponist des dramaturgischen Gespürs von Arrigo Boito versichert hatte, ein voller Erfolg. Zurecht: Wer sich heute an «Simon Boccanegra» wagt, engagiert sich für eine Oper, die kaum weniger Aufmerksamkeit beanspruchen darf als das Verdi’sche Kernrepertoire.
Laurence Dale sucht an der Opéra Royal de Wallonie Privates und Politisches zu entflechten, aber nur, um umso drastischer die Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens zu beweisen. Nur aus der Verquickung beider Ebenen kann die konkrete Utopie erwachsen. Den ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Michael Kaminski
Wohl kein Himmelskörper wurde so häufig besungen wie dieser. Zu groß seine Faszination, zu immens seine Ausstrahlung, um nicht die Feder in die Tinte zu tauchen. Die vielleicht schönste Hommage an den Mond schrieb Joseph von Eichendorff: «Es war, als hätt der Himmel / Die Erde still geküsst, / Dass sie im Blütenschimmer / Von ihm nur träumen müsst», so lautet die...
Für eine gute «Salome»-Aufführung ist man immer dankbar. Die Dauer von nicht einmal zwei Stunden, das gesamte Richard-Strauss-Instrumentations- und Pathos-Paket (samt sarkastischer Fagott-Soli), die klare Geschichte. Sicher, keine Hoffnung, nirgends. Dafür Dekadenz, Fieslinge, ein Proto-Jesus, eine junge Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Am Pfalztheater...
Frau Wilson, zu Jahresbeginn wurden Sie in Stuttgart für die Titelrolle von Vivaldis «Juditha triumphans» gefeiert. Die Produktion konnte erst nach mehreren Anläufen und monatelanger Pause herausgebracht werden. Wie motiviert man sich nach so langer Zeit für die Premiere?
Ich fand es anfangs schwierig, sich wieder zu motivieren. Ich sagte mir zwar: Okay, wir haben...
