Komm, süßer Tod
Søren Kierkegaard war nicht nur ein begnadeter Philosoph und ausgefuchster Menschen(schwächen)kenner, er besaß zudem eine tiefe Neigung für die Kunst, speziell die Musik. Mit Blick auf den «Don Giovanni» prägte Kierkegaard in seinem geschichtsphilosophischen opus magnum «Entweder – Oder» den Begriff des «Sinnlich-Genialen» – nicht ohne einzuschränken, die sinnliche Liebe bedeute ein Verschwinden in der Zeit, welches eben Mozarts Musik zum Ausdruck bringe.
Und gerade darin liegt die Verdammnis des Titelhelden: Jede seiner Verführungen ist im Moment ihres Gelingens bereits Vergangenheit, jeder Sieg verwandelt sich augenblicklich in die Erinnerung an diesen Sieg; Giovanni ist, auf Gedeih und (diabolisches) Verderben, dem Zwang zur Wiederholung ausgeliefert und kann doch seinem Schicksal nicht entgehen.
Mozart erkannte dies. Nicht nur spiegelt die Gattungsbezeichnung dramma giocoso den dauerhaften Umschlag von der Komödie in die Tragödie. Schon die Ouvertüre ist Signifikat dieses dialektischen Prozesses: Der Beginn dunkel-dämonisch in d-Moll, jener Tonart, die auch später, bei Verdi, Puccini et ceteris Synonym für dräuendes Ungemach ist; plötzlich die Wendung nach Dur, ins ...
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Denkt man, bei Tag oder Nacht, an Meyerbeer, ist man nicht um den Schlaf gebracht. Ganz im Gegenteil: Seine Opern erfreuen sich zu Recht größter Beliebtheit, allen voran die Trias aus den Großwerken «Les Huguenots», «Le Prophète» und «Robert le diable»; auch «L’Africaine» respektive «Vasco da Gama» hat es, siehe Chemnitz, Berlin und Frankfurt, wieder auf die Bühne...
Vom «Ende einer Ära» ist mehr oder weniger reflexhaft die Rede beim Tod einer epochalen Figur. Doch im Fall nicht weniger Musiker aus der Sowjetunion hat die Formel ihren Sinn. Brachte doch die Oktoberrevolution tatsächlich einen enormen Aufbruch in vielerlei Hinsicht; man denke nur an den Stummfilm, vor allem Eisensteins. Und in der Musik fand eine immer wieder...
Traditionen haben etwas Gutes. Sie sichern und überliefern wertvolle Bestände, sie wirken stilbildend. Im Leben wie in der Kunst. Und eben auch in der Oper. Ohne Tradition, ohne den Blick zurück auf seine Anfänge, würde dieses Kraftwerk der Gefühle über kurz oder lang vermutlich stillstehen, zur musealen Einrichtung verstauben – zur Form ohne lebendigen Inhalt....
