Soghaft
Das Stück ist ein Klassiker des zeitgenössischen Musiktheaters. Um die 500 Aufführungen hat Wolfgang Rihms «Jakob Lenz» seit der Hamburger Uraufführung 1979 erlebt. Zu Recht, glückte doch dem damals 27-Jährigen mit seiner konzentrierten Komposition ein beinahe zeitloser Wurf. Im Grunde ist diese Kammeroper ein einziger großer Monolog für einen in jeder Hinsicht zu maximalem Einsatz bereiten Bariton.
Und mag der mit elf Instrumenten spartanisch besetzte Orchestersatz unverhohlen aus der Musikgeschichte zitieren (Bach, Berg), findet Rihm dennoch zu einem originären, mal irrlichternden, mal lauernden Grundduktus.
Wie vertraut eine derart moderate Avantgardemusik inzwischen auch einem nicht spezialisierten Publikum ist, erwies sich bei der jüngsten Neuproduktion in Bielefeld: Auch die dritte Vorstellung war ausgezeichnet besucht und wurde begeistert aufgenommen. Womöglich hatte sich herumgesprochen, dass Nadja Loschkys geradlinige, suggestive Inszenierung das Werk präzise aufschließt, ohne es in seiner Expression überbieten zu wollen.
In die Bühnenmitte hat Ulrich Leitner einen hohen schwarzen Zylinder gebaut, der schmale Durchgänge freigibt. Die darum kreisende Drehbühne ...
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Aus der Bühnenschwärze heraus blinken tausende farbige Lichter. Eine Frau im Glitzeranzug tritt durch die zwei spitz zulaufenden LED-Wände. Sie bedient Computer; grüne Zahlenkolonnen hetzen über die Monitore. Sie ist die Herrin über die Algorithmen, über die Daten der Menschen.
Catrin Striebeck führt die Zuschauer dann als Sprecherin durch Strawinskys Kurzoper...
Vom «Ende einer Ära» ist mehr oder weniger reflexhaft die Rede beim Tod einer epochalen Figur. Doch im Fall nicht weniger Musiker aus der Sowjetunion hat die Formel ihren Sinn. Brachte doch die Oktoberrevolution tatsächlich einen enormen Aufbruch in vielerlei Hinsicht; man denke nur an den Stummfilm, vor allem Eisensteins. Und in der Musik fand eine immer wieder...
Traditionen haben etwas Gutes. Sie sichern und überliefern wertvolle Bestände, sie wirken stilbildend. Im Leben wie in der Kunst. Und eben auch in der Oper. Ohne Tradition, ohne den Blick zurück auf seine Anfänge, würde dieses Kraftwerk der Gefühle über kurz oder lang vermutlich stillstehen, zur musealen Einrichtung verstauben – zur Form ohne lebendigen Inhalt....
