Kinokinetik im Land der Mangas
Steht man vor den großen Opern und Kunstmuseen in Europa oder Amerika, ist die Assoziation Tempel, Palast, Festung fast unvermeidlich. Schier uneinnehmbar scheinen sie, Treppen führen hinauf zur hohen Kunst: «Meisterwerke» wie Gehäuse für die Ewigkeit bestimmt, das schlechthin Museale als «Einschüchterung durch Klassizität» (Bertolt Brecht). Doch alles bleibt nicht beim Alten: Selbst die ehrwürdigsten Gemäldegalerien reorganisieren ihre scheinbar ein für allemal fest sortierten Bestände.
Und ausgerechnet die Oper, bürgerliches Repräsentationsgenre par excellence, stand als radikalste multimediale Innovation des Barock stets für Paradigmenwechsel aller Art: ästhetisch, politisch, sozial, technisch – elitär und populär zugleich. Als synthetisches «Gesamtkunstwerk» ist sie allenfalls mit dem Kino vergleichbar – inklusive wechselseitiger Grenzüberschreitungen: Zur Oper gehört der Film wie dieser zu jener, kulturhistorisch wie kunstaktuell.
Und kaum eine Oper gibt, aller Eingängigkeit zum Trotz, so viele Rätsel auf wie «Die Zauberflöte», changierend zwischen Esoterik und Vorstadtposse. Natürlich werfen auch der Zweifler Hamlet und das «Lächeln der Mona Lisa» Fragen auf, die kaum je ...
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Aki Kaurismäkis Kultfilm «Das Leben der Bohème» hat offenbar einen Paradigmenwechsel in der Opernregie eingeleitet. Heute wird Puccinis Adaption des Romans von Henri Murger jedenfalls vorwiegend in modernen Kostümen gespielt. Sängerische Schwergewichte wie Luciano Pavarotti und Montserrat Caballé in historischem Outfit würden wohl kaum noch Furore machen....
Inszeniert in Russland ein Schauspielregisseur eine Oper, geht das meist daneben. Würde der vielgerühmte Konstantin Bogomolov hier eine Ausnahme bilden? Bogomolov ist in den letzten sechs, sieben Jahren zu Moskaus Kultregisseur aufgestiegen, seine provokanten, sozialkritischen Arbeiten am Künstler-Theater begeistern ein breites Publikum. Für Anton Getman, den...
Der Mörder kommt mit der Axt in der Hand. Furchterregend sieht er aus, der kahlköpfige Lagerinsasse Schischkow, in seinem lang-schwarzen Ledermantel, mit weit aufgerissenen Augen. Ein Abgrund Mensch, vom Teufel besessen, hinabgesunken in das Animalische seiner Existenz. Dabei steht ihm der Sinn jetzt gar nicht nach Gewalt. Schischkow will Zeugnis ablegen von jener...
