Kernig, schwerelos

In Orange singt Jonas Kaufmann Carmen an die Wand – und macht Don José zur Hauptfigur

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Wenn ein Darsteller vom Format Jonas Kaufmanns auf der Bühne mitmischt, stehen die Chancen auf Gänsehaut nicht schlecht. Man geht allerdings auch das Risiko ein, dass der Rest der Besetzung verblasst – und genau das geschah jetzt in Orange. Zweieinhalb Stunden lang fragte man sich, warum Bizet seine Oper eigentlich nicht «Don José» genannt hat. Dass ein Charakter wie José überhaupt derart zur Hauptfigur aufrücken kann, sagt über Kaufmanns Qualitäten schon eine Menge aus.

Trotz des im antiken Amphitheater gefürchteten Mistrals, der sich nach windstillen Wochen ausgerechnet am Premierentag erhob, war der Tenor der konkurrenzlose Star des Abends. Ließ uns alle seelischen Zustände mit musikalischen Mitteln spüren, beeindruckte mit seiner Fähigkeit, Klangfarben zu modulieren – ganz zu schweigen vom hohen B der Blumenarie, das er erwartungs- und partiturgemäß pianissimo erklingen ließ, schwerelos und doch kernig. Und das mit einer französischen Diktion, an der sich so mancher frankophone Sänger ein Beispiel nehmen könnte. Roberto Alagna kam als Manrico in Verdis «Trovatore» offenbar weniger gut zurecht – er ließ jedenfalls mitteilen, dass er künftig nicht mehr in Orange auftreten wird.

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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 91
von Christian Merlin

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