Keine falschen Gefühle
Die wirkungsvollste und geschlossenste aller Verdi-Ouvertüren, die zur «Macht des Schicksals», beginnt mit sechs leeren Oktaven. Sechsmal der Ton «e» in Fagott, Hörnern, Trompeten und Posaunen. Sechsmal mit Akzent. Wenn dieses «e» unentschieden, orientierungslos geblasen wird, quasi als Unterbrechungsversuch des Parkett-Gemurmels, dann wird schnell ein schlechtes Omen daraus: Vorbote einer langen Vorstellung.
Das «e» kann sich aber auch energisch aufrecken aus dem Orchestergraben, vibrierend vor Erregung und im Kontrast zum folgenden Allegro agitato schon die Tragik der folgenden Handlung vorwegnehmend. Toscanini hat das exemplarisch vorgemacht. Auch in Vilnius klingt es jetzt so. Gintaras Rinkevicius dirigiert Verdis melodienseligste Oper ohne den geringsten Anflug von Sentimentalität, kantig in ihren akustischen Schnitten, unerbittlich im Rhythmus. Zwischenstimmen und sogar Pizzicati entfalten eine selten gehörte Energie. Rinkevicius, der das Litauische Staatliche Symphonieorchester gegründet und lange die Oper in Riga geleitet hat, ist der Motor dieser Premiere. Er sorgt dafür, dass der Viereinhalb-Stunden-Abend trotz zwei langer Pausen und zahlloser Umbauzäsuren musikalisch in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Covent Gardens neuer «Ballo in maschera» ist eine Mogelpackung. Oder, netter gesagt, ein gescheitertes Experiment. Auf dem Papier liest sich das noch viel versprechend, allerdings auch da nur auf den ersten Blick. Die Hauptpartien sind mit Karita Mattila, Marcelo Alvarez und Thomas Hampson luxuriös besetzt, alle drei geben ihr Rollendebüt. Und alle drei wären...
Es war in Leipzig, als Richard Wagner im Juni 1835 gegenüber seinem Freund Theodor Apel bekannte: «Hinweg aus Deutschland gehöre ich!» Noch deutlicher wurde er am 22. September 1835: «Ich komme nie wieder nach Leipzig.» Mendelssohn wurde gerade zum Gewandhauskapellmeister gekürt. Wagner hat zwar, seit er die Stadt 1834 endgültig verlassen hatte, immer wieder...
Als Maria Callas und Sir John Barbirolli im Juni 1953 an der Londoner Covent Garden Opera gemeinsam eine Serie von «Aida»-Vorstellungen absolvierten, wurden beide von der Kritik ziemlich einhellig verrissen. Man warf dem Dirigenten zahlreiche Wackelkontakte zwischen Bühne und Graben vor, der Gesang der Diva wurde als «Pein für empfindliche Ohren» abgekanzelt. Was...
