Keine falschen Gefühle
Die wirkungsvollste und geschlossenste aller Verdi-Ouvertüren, die zur «Macht des Schicksals», beginnt mit sechs leeren Oktaven. Sechsmal der Ton «e» in Fagott, Hörnern, Trompeten und Posaunen. Sechsmal mit Akzent. Wenn dieses «e» unentschieden, orientierungslos geblasen wird, quasi als Unterbrechungsversuch des Parkett-Gemurmels, dann wird schnell ein schlechtes Omen daraus: Vorbote einer langen Vorstellung.
Das «e» kann sich aber auch energisch aufrecken aus dem Orchestergraben, vibrierend vor Erregung und im Kontrast zum folgenden Allegro agitato schon die Tragik der folgenden Handlung vorwegnehmend. Toscanini hat das exemplarisch vorgemacht. Auch in Vilnius klingt es jetzt so. Gintaras Rinkevicius dirigiert Verdis melodienseligste Oper ohne den geringsten Anflug von Sentimentalität, kantig in ihren akustischen Schnitten, unerbittlich im Rhythmus. Zwischenstimmen und sogar Pizzicati entfalten eine selten gehörte Energie. Rinkevicius, der das Litauische Staatliche Symphonieorchester gegründet und lange die Oper in Riga geleitet hat, ist der Motor dieser Premiere. Er sorgt dafür, dass der Viereinhalb-Stunden-Abend trotz zwei langer Pausen und zahlloser Umbauzäsuren musikalisch in ...
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