In die Ecke, Besen!
Es ist anzunehmen, dass Rolando Villazón Goethes «Zauberlehrling» kennt, schließlich ist er ein kluger Mann. Somit dürfte ihm auch jener Satz vertraut sein, mit dem der traurige Titelheld das Unheil in nässenden Gang setzt: «Und nun komm, du alter Besen! / Nimm die schlechten Lumpenhüllen; bist schon lange Knecht gewesen: Nun erfülle meinen Willen!» Mit ein bisschen Fantasie könnte Villazón den Satz für sich reklamieren.
Er wäre dann also jener wackere Zauberlehrling, der sich auf dem Gebiete der Regiekunst ausprobieren darf, weil die alten Meister gerade außer Landes sind und weil seine Stimme, ein vormals edel-lyrischer Tenor, ebenfalls urlaubt. Er wäre aber, und hier liegt ein wenig die Krux der Angelegenheit, auch der Besen, der mit zunehmender Geschwindigkeit durch die Stube saust. Viel zu schnell für andere, viel zu schnell sogar für sich selbst. Der rasende Rolando-Besen gewissermaßen.
Dass die Kunst des Inszenierens eine hohe Kunst ist, scheint ihm dabei kein Arg. Egal. Ein Besen kehrt nötigenfalls so lange, bis nichts mehr übrig bleibt von dem Stück, das sich vor ihm auftürmt. Hauptsache, die Schenkel wackeln, das Tempo stimmt, kurz: der Effekt von der Sache. Die Sache ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Jürgen Otten
Dass an Finanzbeamten auch Gutes sein kann, suggeriert schon das Neue Testament. Denn «Zöllner» Zachäus, ein die Juden im Namen Roms ausblutender Steuereintreiber, erlebt nach Lukas 19, 1-10 seine Metanoia und verschenkt die Hälfte des Besitzes an die Armen. Und auch der Pariser Steuerpächter Le Riche de La Pouplinière übte Wohltätigkeit: Zwar gab er nicht gleich...
Gerade 40 Jahre sind es her, dass Jean-Pierre Ponnelle und Nikolaus Harnoncourt am Opernhaus Zürich ihren Monteverdi-Zyklus zeigten und die drei überlieferten Opern endgültig für das Repertoire zurückgewannen – opulente Inszenierungen der Sinnenfreude, bei denen die barocke Schaulust allerdings oft nicht von der schicken Schaufensterdekoration zu unterscheiden war....
Nicola Raab hat im Dezember 2017 gezeigt, dass man Zandonais «Francesca da Rimini» nicht im Plüsch ertränken muss. Der «decadentismo» dieser blutigen Tragödie aus dem Jahre 1914 fokussiert auf Gewalt, wie sie so oft den Umgang zwischen den Geschlechtern konditioniert. In Straßburg hatte sich Raab die Perspektive der Titelheldin zu eigen gemacht. An der Mailänder...
