Ein Naturereignis, ungeheuerlich

Köln feiert Bernd Alois Zimmermann – und die Oper einen Triumph mit den «Soldaten»: François-Xavier Roth, drei Kodirigenten und Soundregisseur Paul Jeukendrup gestalten im Staatenhaus ein Raumklangdrama von mitreißender Wucht; Carlus Padrissa und sein Team liefern dazu ein 360-Grad-Bilderpanorama. Erinnerungen und Hintergründe bietet ein «persönliches Portrait», das Zimmermanns Tochter Bettina aus teils unbekanntem Material collagiert hat

Opernwelt - Logo

Versunken sitzt er da. Die Schultern eingezogen. Die Arme auf dem provisorischen Schreibtisch ausgebreitet. Tief gebeugt über das unvollendete Werk. Als laste alles Unrecht unter der Sonne auf ihm. Als drücke der Erdenkreis ihn nieder, um dessen schreiend zartes, wimmernd wunderbares Klangbild er hier, in der Stille der römischen Villa Massimo, kämpft. Ein Schnappschuss aus dem Herbst 1963, in grobkörnigem Schwarzweiß: Bernd Alois Zimmermann arbeitet an den «Soldaten».

Fünf Jahre zuvor hatte ihm die Oper Köln den Auftrag erteilt. Anfang 1960 liegen die ersten beiden Akte vor.

Wolfgang Sawallisch, damals Musikdirektor des Hauses, winkt ab; auch Günter Wand, Chef des Gürzenich-Orchesters, hält das Stück für unaufführbar. Eine Mammutpartitur, «totales Theater», ein Sprengsatz für den Repertoirebetrieb. Zukunftsmusik, die Graben und Guckkasten, das traditionelle Raumgefüge in Frage stellt, mit aller Gewalt. Erst die konzertante Aufführung von drei Szenen im Großen Sendesaal des WDR (Leitung: Jan Krenz; Mai 1963) überzeugt den (neuen) Intendanten Arno Assmann, wieder grünes Licht für das unterbrochene, unerhörte Unternehmen zu geben. Im Februar 1965, beinahe fünf Jahre nach dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Apropos... Lehrjahre

Frau Romaniw, Sie sind nach dem Konservatorium nach Houston ins Opernstudio gegangen – eine schwierige Zeit für Sie.
Diese Nachwuchsprogramme nehmen einen hart ran. Das muss wohl auch so sein. Die Gelegenheit, mit erfahrenen Kollegen den Theateralltag zu teilen und auf der Bühne zu stehen, fand ich unbezahlbar. Doch stimmlich fing ich gefühlt wieder bei Null an.

Wi...

Publikumsbeschimpfung

Was tun, wenn jedes Instrument und jede vorstellbare Spieltechnik (oder Gesangstechnik oder Vortragsweise) erprobt, in die musikalische Praxis integriert und in mediale Kreisläufe eingespeist wird? Wenn also jeder Klang zugleich sedimentierte Musikgeschichte ist? Wenn das Publikum in so ziemlich allem, was es zu hören bekommt, nicht zunächst das Neue wahrnimmt,...

Frühbarockes Meisterwerk

Obwohl das Werk schon in seinem Entstehungsjahr 1625 in einem aufwendigen Druck erschienen ist, hat die erste Oper einer Komponistin bis vor Kurzem wenig Aufmerksamkeit gefunden. Jetzt aber steigt das Interesse: Im November 2017 gab es bei den Tagen Alter Musik in Herne eine konzertante Aufführung, die Wuppertaler Oper hat das Werk für ein interaktives Projekt...