In der Urfassung
Schon der Titel ist Programm: Schlicht «Lucretia» steht auf den Plakaten, mit denen Kopenhagens Oper ihre neue Produktion ankündigt. Von der Vergewaltigung, die eigentlich im Titel von Benjamin Brittens 1946 uraufgeführter Kammeroper angekündigt wird, ist keine Rede.
Doch hat sie überhaupt stattgefunden? In der revidierten und bislang einzig gespielten Fassung, die Britten ein Jahr nach der Uraufführung anfertigte, schien die Sache klar: Die tugendhafte Ehefrau wird durch den brutalen Etrusker Tarquinius geschändet, begeht aus verletzter Ehre Selbstmord und wird als leuchtendes Beispiel der Keuschheit gefeiert.
Doch in der Urfassung, die Brittens Nachlassverwalter jetzt erstmals zur Aufführung freigegeben haben, sieht das anders aus. Sowohl die Musik in der Vergewaltigungsszene wie auch etliche andere Stellen deuten darauf hin, dass die Geschichte von Brittens Lucretia ursprünglich eine ganz andere war: die einer frustrierten Ehefrau, die sich bereitwillig einem leidenschaftlichen Verführer hingibt, doch anschließend nicht mehr im Zwiespalt zwischen ihrer Leidenschaft und dem rigiden Sittenkodex ihrer Umgebung weiterleben kann. Quasi um 180 Grad drehte Britten
jedoch nicht nur den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Siegmund und Sieglinde finden sich in einem Vorort New Yorks, Wotan ist Ober-Börsianer, die Götter geben die Statthalter einer zerfallenden Luxusgesellschaft, die Walküren flanieren auf dem Catwalk zu Bildern aus Francis Ford Coppolas Kinoklassiker «Apocalypse Now». Zur «Walküre» im Theater der Stadt Koblenz wird viel Bekanntes, aus alten Produktionen Stammendes...
Das ganze Drama, die ganze Tragik steckt in drei Takten. Wenn man den Sextaufschwung und den fallenden Sekundschritt abzieht, mit denen die Celli, pianissimo, auf jenen berühmten Akkord hinleiten, den Wagner ins Zentrum seiner symphonisch flutenden «Handlung in drei Aufzügen» stellt, sind es sogar nur zwei Takte, die gleich zu Beginn das fatale Glück Tristans und...
Herr Uusitalo, bei der «Walküren»-Premiere an der Wiener Staatsoper versagte Ihnen im letzten Jahr auf offener Bühne die Stimme. Was fühlt man in so einem Moment?
Für mich war das natürlich ein ziemlicher Schock. Ich hatte geglaubt, ich könnte das schaffen, obwohl ich krank war – auch weil der Arzt mir grünes Licht gegeben hatte. Aber das war etwas zu optimistisch,...
