Im Strudel der Metamorphosen
Ich sind viele. Eine Binse eigentlich. Kein Mensch lässt sich auf den Einen, die Eine, das Eine verrechnen. Das Selbst ist ein fluides Kompositum, labile Schnittmenge verschiedener Einflüsse und Prägungen: Genetik und Gesellschaft, Biologie und Kultur, Gegenwart und Geschichte fließen da, oft unentwirrbar, als formierende Faktoren zusammen. Doch nicht selten erfährt gerade das Offensichtliche besonders heftigen Widerstand.
Die Sehnsucht nach zeitlosen Gewissheiten, nach unveränderlichen Maßstäben und unerschütterlicher Stabilität kann, zumal in Zeiten post-faktischer Kampagnen, alle vernunftgeleitete Erkenntnis über die Komplexität der Wirklichkeit übertönen. Am Beispiel des Sperrfeuers, das die Apostel einer Nation, Blut und Boden beschwörenden identitären Erweckung auf die von der amerikanischen Philosophin Judith Butler angestoßenen Queer- und Gender-Debatten orchestrieren, lassen sich die – kräftig geschürten – Ängste vor der Einsicht, dass das Hybride, Vieldeutige im Grunde der Normalfall ist, exemplarisch beobachten.
Ein Dorn im Auge identitärer Ideologen dürfte auch Virginia Woolfs erstmals 1928 erschienener Roman «Orlando» sein. Nicht nur, weil er heute als ein ...
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Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Albrecht Thiemann
Janusz feiert, was der Volksmund «Hirnfasching» nennt, spult den Film seines Lebens vor und zurück. Realität oder Halluzination? Wer weiß. Er hat ein junges Mädchen verführt und in den Tod getrieben; sein schlechtes Gewissen lässt ihn die Orientierung verlieren. Die Zuschauer rätseln mit ihm – und das sollen sie nach dem Willen von Mariusz Treliński auch. Denn der...
Mit den Clowns kommen die Keulen, drei an der Zahl. Fliegen in die Lüfte, stürzen hinab, springen aber wie von Geisterhand gehoben sogleich wieder in die Luft, unzählige Male, wie ein Perpetuum mobile, das sich dem wiegenden 6/8-Takt der Barcarolle anschmiegt, die so butterweich und süßlich kaum je zuvor durch den Graben gondelte, zwischen h-Moll und D-Dur hin und...
Märchen mögen Zufluchtsorte der Fantasie in einer unbehausten, verheißungslosen Welt sein – herzwärmend sind sie selten. Auch jenes von den Königskindern ist grausam und zugleich sehr aktuell: Das Liebespaar – ein naiv empathischer Königssohn und eine von einer Hexe aufgezogene, gleichwohl edelherzige Gänsemagd («Gutmenschen» würden die beiden heute wohl...
