Groteske Wucht
Die erste Szene erinnert an Johann Heinrich Füsslis Gemälde «Der Nachtmahr», ein Sinnbild schwarzer Romantik. Allerdings hockt kein Dämon auf der Brust der Schlafenden, stattdessen wacht ein Mann neben dem Bett. Es ist der Bruder, der Lucia in Marcos Darbyshires Inszenierung beaufsichtigt. In den Händen hält er ein weißes Kissen, und er hält es so, als könnte er es im nächsten Moment als Mordinstrument einsetzen. Will er die Schwester ersticken?
Darbyshire erzählt Gaetano Donizettis Oper als abgründiges Familiendrama.
Der Wahnsinn, der die von Enrico zur Heirat gezwungenen Lucia befällt und zur Mörderin werden lässt, wurzelt tief in der Vergangenheit. Der Argentinier, kurzfristig für den erkrankten Regisseur Dirk Schmeding eingesprungen, hat dessen Konzept übernommen und psychologisch zugespitzt. Als treibende Kraft der Tragödie rückt er die Geister der Vergangenheit in den Fokus. So lässt er, abweichend vom Libretto, die Eltern und einen jüngeren Bruder der Ashtons auftreten. Der Vater sitzt als greiser Patriarch im Rollstuhl, die Mutter (mit warmem Timbre: Nina Tarandek) ist mahnend in der Rolle der Alisa gegenwärtig. Bleich, blutbesudelt reicht sie Lucia die Haarnadel, mit ...
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Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Silvia Adler
Kaum ein anderes großes Land war kulturell so zerklüftet, dezentralisiert wie Deutschland, die «verspätete Nation» (Helmuth Plessner). Es gab keine dominierende Hauptstadt wie die «Wasserköpfe» Paris und London. Hinzu kamen die Kleinstaaterei und die selbstbewussten freien Reichsstädte. Zudem spaltete die Reformation das Land in Katholiken und Protestanten....
Keine Zeitmaschine diesmal. Regisseur Davide Livermore hat «Tosca» weder ein Update verpasst noch ihre Handlung aus der Altstadt Roms verlegt. Die Kirche Sant’Andrea della Valle, der Palazzo Farnese, das Castel Sant’Angelo – alle in Puccinis Partitur geforderten Postkarten-Schauplätze sind da. In Bildern, die die Hightech-Bühnenmaschinerie an der Scala auf Trab...
Mit Oper kann er eigentlich nicht viel anfangen. Weite Bögen, scharfe Kontraste, markante Figuren, dramatische Spannung – all das, was lebendiges Musiktheater braucht, um Funken zu schlagen, ist Hans Abrahamsen letztlich fremd. Einem Komponisten, dessen Denken aus der Stille kommt, der feingliedrige Gespinste austüftelt, die nicht selten auf mathematischen...
