Groteske Wucht
Die erste Szene erinnert an Johann Heinrich Füsslis Gemälde «Der Nachtmahr», ein Sinnbild schwarzer Romantik. Allerdings hockt kein Dämon auf der Brust der Schlafenden, stattdessen wacht ein Mann neben dem Bett. Es ist der Bruder, der Lucia in Marcos Darbyshires Inszenierung beaufsichtigt. In den Händen hält er ein weißes Kissen, und er hält es so, als könnte er es im nächsten Moment als Mordinstrument einsetzen. Will er die Schwester ersticken?
Darbyshire erzählt Gaetano Donizettis Oper als abgründiges Familiendrama.
Der Wahnsinn, der die von Enrico zur Heirat gezwungenen Lucia befällt und zur Mörderin werden lässt, wurzelt tief in der Vergangenheit. Der Argentinier, kurzfristig für den erkrankten Regisseur Dirk Schmeding eingesprungen, hat dessen Konzept übernommen und psychologisch zugespitzt. Als treibende Kraft der Tragödie rückt er die Geister der Vergangenheit in den Fokus. So lässt er, abweichend vom Libretto, die Eltern und einen jüngeren Bruder der Ashtons auftreten. Der Vater sitzt als greiser Patriarch im Rollstuhl, die Mutter (mit warmem Timbre: Nina Tarandek) ist mahnend in der Rolle der Alisa gegenwärtig. Bleich, blutbesudelt reicht sie Lucia die Haarnadel, mit ...
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Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Silvia Adler
Dieser Mann ist am Ende. Seine Perspektiven sind trist. Er leidet unter Halluzinationen und Todessehnsucht. Rettung scheint unmöglich, Therapie erst recht. Hat er es hinter sich?
Ja, es ist ein ernstzunehmendes, durchaus modernes Krankheitsbild, ein depressives Syndrom mit psychotischen Zügen, mit dem uns das lyrische Ich in Franz Schuberts «Winterreise»...
Hanns Eisler, bekannt für seine scharfe Zunge (deretwegen ihn sein geistiger Ziehvater Arnold Schönberg gerne «übers Knie gelegt» hätte), machte in seiner Kritik am reaktionären gesellschaftlichen Verhalten in der Musik auch vor den großen Meistern nicht halt.
Im Gespräch mit Hans Bunge bemerkte er, «dass selbst bei (…) Mozart noch das Klirren der Teetassen und...
Strukturelle Improvisation – diese Formel trifft ziemlich genau, was Christian Jost anstrebt, wenn er neue Musik erfindet. Vor 15 Jahren brachte die Rheinoper in Düsseldorf sein erstes abendfüllendes Musiktheater heraus: «Vipern», eine griffig konstruierte Kriminalgeschichte aus dem elisabethanischen England. Seither sind sieben weitere Arbeiten für die Bühne...
