Im Delirium
Der Theater- und zeitweilige Opernregisseur Michael Thalheimer hat einmal in kluger Differenzierung den Unterschied zwischen Idee und Einfall beschrieben. Einfälle, so Thalheimer, könnten noch so fantasievoll sein, eine Idee würden sie nicht zwingend generieren. Nun ist es keineswegs so, dass Tomo Sugao ohne Idee zu Gounods «Faust» bliebe (er hat eine, wenngleich eine sehr gewagte), doch schaufelt er diese in seiner Bielefelder Inszenierung so sehr mit Einfällen zu, dass man am Ende leicht verwirrt den Saal verlässt, weil man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr erkannt hat.
Gleichviel: Die Grundkonstante dieser Regiearbeit ist evident: Faust (Daniel Pataky singt ihn mit leuchtendem, höhensicherem Tenor) wird in jenem drehkreiselnden Spiegelvarietékabinett, das Timo Dentler und Okarina Peter auf die Bühne gehievt haben, in einen turbulenten Taumel aus vagierenden Vexierbildern hineingezogen. Kaum hat er diese Welt der flüchtigen Bilder betreten, gerät er ins Straucheln; seine ohnehin geliehene Identität verschwimmt zusehends; alles, was er sieht, sogar sich selbst, sieht er in vervielfältigter Weise. Faust ist mehrere Ichs, und so ist es auch das zarte Pflänzchen Marguerite (ein ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Jürgen Otten
Ach, die Bahn! Unzuverlässig, verspätet und verspottet, weil «immer nur abgebaut wird». Als Giselher Klebe seine 1980 in Mannheim uraufgeführte Oper «Der Jüngste Tag» schrieb, war die Bahn gefühlt noch superpünktlich. Angesichts der heutigen Schienenmisere wirken die Klagen zu Beginn des Stücks unfreiwillig aktuell und erheiternd. Dabei hat die Geschichte das Zeug...
Wer sagt eigentlich, dass Don Juan immer ein feuriger, schwarzgelockter Macho sein muss? Noch dazu, wenn er als Titelheld in Mozarts «Don Giovanni» ohnehin schon arg am Ende seiner Kräfte, wenn schon nicht seiner Leidenschaften ist? In Elisabeth Stöpplers Grazer Inszenierung des Dramma giocoso kommt er als netter blonder Junge von nebenan ins Spiel, unauffällig in...
Herr Fagioli, kann man Verzieren lernen?
Ja, weil es Regeln folgt, die mit der Konstruktion von Harmonie und Melodie zu tun haben. Es macht aber einen Unterschied, wie man sie verwendet.
Wie weit verlassen Sie sich dabei auf historische Quellen?
Etwa zur Hälfte, würde ich sagen. Eine ebenso große Rolle spielt aber meine eigene Interpretation. Ich lese Bücher...
