Im Delirium
Der Theater- und zeitweilige Opernregisseur Michael Thalheimer hat einmal in kluger Differenzierung den Unterschied zwischen Idee und Einfall beschrieben. Einfälle, so Thalheimer, könnten noch so fantasievoll sein, eine Idee würden sie nicht zwingend generieren. Nun ist es keineswegs so, dass Tomo Sugao ohne Idee zu Gounods «Faust» bliebe (er hat eine, wenngleich eine sehr gewagte), doch schaufelt er diese in seiner Bielefelder Inszenierung so sehr mit Einfällen zu, dass man am Ende leicht verwirrt den Saal verlässt, weil man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr erkannt hat.
Gleichviel: Die Grundkonstante dieser Regiearbeit ist evident: Faust (Daniel Pataky singt ihn mit leuchtendem, höhensicherem Tenor) wird in jenem drehkreiselnden Spiegelvarietékabinett, das Timo Dentler und Okarina Peter auf die Bühne gehievt haben, in einen turbulenten Taumel aus vagierenden Vexierbildern hineingezogen. Kaum hat er diese Welt der flüchtigen Bilder betreten, gerät er ins Straucheln; seine ohnehin geliehene Identität verschwimmt zusehends; alles, was er sieht, sogar sich selbst, sieht er in vervielfältigter Weise. Faust ist mehrere Ichs, und so ist es auch das zarte Pflänzchen Marguerite (ein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2020
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Jürgen Otten
New York, 1926. Ein Konzert mit Mahlers Vierter. Die würde die junge Frau gern auch mal dirigieren. Auf dem Podium: Willem Mengelberg, der berühmte Maestro aus den Niederlanden, ein Star des klassischen Musikbetriebs. Doch Antonia Brico, die als Kind aus Rotterdam nach Amerika gekommene Immigrantin, muss sich damit begnügen, der High Society die Plätze anzuweisen....
Viereinhalb Jahrhunderte – wer vermag eine solche Zeitspanne zu fassen, mit lebendiger Geschichte zu füllen? Die Staatskapelle Berlin feiert 2020 den 450. Jahrestag ihrer ersten Erwähnung. Als Kurbrandenburgische Hofkantorei bzw. Hofkapelle wurde sie im 16. Jahrhundert ins Leben gerufen, mit einer größeren Anzahl von Sängern und einer weit geringeren an...
Als sie anfing, war sie nicht einfach nur eine neue, unerhörte Stimme, sondern ein ganz neuer Typ Sängerin. Ein Wunderkind zunächst – ausgebildet, gefördert und stets begleitet von seinem Großvater –, das vom Berliner Schlager bis zum Koloraturfeuerwerk der Königin der Nacht alles konnte, was man von ihm verlangte. Anja Silja lernte das Singen in einem Alter, in...
