«Ich wusste, dass ich das kann»

Der neue Stern am Wagner-Himmel heißt Simon O’Neill. Gerade hat der Neuseeländer als Lohengrin in Bayreuth debütiert (eingesprungen für Jonas Kaufmann), im nächsten Jahr wird er dort den Parsifal singen, und im neuen Gemeinschafts­­-«Ring» der Scala und der Berliner Staatsoper ist er in seiner Paraderolle als Siegmund zu erleben. In dieser Saison singt der 39-Jährige an fast allen großen Opernhäusern der Welt. ­Gerade sind auch seine ersten Aufnahmen erschienen: das Wagner-Recital «Father and Son» und ein Mitschnitt seines Otello-­Debüts mit dem London Symphony Orchestra unter Sir Colin Davis.

Mr. O’Neill, Sie singen sich gerade im Turbotempo durch das schwere Fach: Max und Florestan, Siegmund und Lohengrin, Samson und Otello – wird Ihnen da nicht manchmal schwindlig?
Ja, manchmal wache ich nachts auf und frage mich, ob das alles wirklich wahr ist. Aber es ist nun mal so. Die Karriere ist in den letzten zwei Jahren durchgestartet, und jetzt bin ich ein richtiger Opernsänger, der an all den Orten singt, von denen er fünf Jahre vorher nur träumen konnte. Ich habe gerade an der Deutschen Oper Berlin meinen ersten Cavaradossi in einer Repertoireaufführung hinter mir.

Natürlich ist das hart mit nur zwei Tagen Probenzeit. Aber man hat mir das angeboten, und ich wollte die Rolle unbedingt singen. So, where’s the problem?

Das gilt bei Ihnen sogar für den Otello, der für etliche Tenöre der Gipfel ihrer Laufbahn ist.
Ja, auch wenn es unglaublich klingt. Die Nacht zuvor hatte ich mit Antonio Pappano in Rom gesungen und anschließend Chianti getrunken, und als ich am nächsten Tag zurück in London war, kam die SMS von meinem Manager mit der Frage, ob ich nicht Lust hätte, morgen Abend Otello mit Colin Davis zu singen. Ich habe sofort ja gesagt, obwohl ich die Rolle kaum kannte. Ich hatte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2010
Rubrik: Interview, Seite 40
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wohin das Denken so treibt

Ehre sei den Provisorien. Ohne die wäre vieles im Laufe der Musikgeschichte gar nicht zustande gekommen. Strawinskys «Histoire du Soldat» beispielsweise. Eine ganze Opernästhetik basierte wortwörtlich auf einer winzigen Behelfsbühne: dem «Nudelbrett» der Darmstädter Orangerie in der überaus kreativen Ära Harro Dicks vor dem Umzug ins neue Staatstheater. Begrenzung...

Durchlüftetes Klangbild

Wäre es nach Napoleon gegangen, ein Bayer hätte sofort die Pariser Oper übernehmen können. 1799 hörte der begeisterte Feldherr in der Mailänder Scala «La Lodoïska», doch Simon Mayr lehnte dankend ab. Das Stück war lange ebenso vergessen wie die gerade wiederentdeckte «Medea in Corinto». Es wurde 1796 in Venedig uraufgeführt und verlangt dringend nach szenischer...

Blühende Fantasie

«Götterdämmerung» als Demonstration der Vererbungslehre? Wenn Hagen nach Siegfrieds Tod in einer brutal ausgespielten Szene seine Halbschwester Gutrune vergewaltigt, kann man diese Tat ganz aus den Genen begründen: Hatte sein Vater Alberich bei der Zeugung des Sohnes nicht einst Grimhild, der Herrschersgattin im Hause Gibichungen und Mutter von Gunther und Gutrune,...