Ruck nach rechts

Kahlschlag-Attacken der nationalistisch gewendeten ungarischen Kulturpolitik – und Boitos «Mefistofele» an der Budapester Staatsoper

«Es ist doch lange hergebracht, dass in der großen Welt man kleine Welten macht», sagt Mephistopheles in der Walpurgisnacht-Szene von Goethes «Faust».

Ob Balázs Kovalik, Regisseur von Arrigo Boitos Goethe-Konzentrat «Mefistofele» (mit der Premiere im September an der Budapester Staatsoper), diesen Satz vor Augen hatte, als er den Titelhelden sich beim Hexensabbat ein Banner der Europäischen Union um den Leib wickeln ließ? Auf jeden Fall schien dies ein kleiner, feiner Seitenhieb auf die derzeitigen Auseinandersetzungen der Ungarn mit Europa – nicht zuletzt wegen des umstrittenen neuen Mediengesetzes, das jüngst von der OSZE als Rückfall in die Zeit totalitärer Regime scharf kritisiert wurde. Wird darin doch deutlich, dass Regierungschef Viktor Orbán und sein Bund Junger Demokraten (Fidesz) die öffentlich-rechtlichen Medien ihrer Kontrolle unterwerfen und auch die privaten an die Kandare nehmen wollen. So wurde schon vor dem Sommer die bislang paritätisch besetzte Medienaufsicht umfunktioniert: Nun hat die Regierung das alleinige Sagen, etwa bei der Besetzung von Intendantenposten. Vor Kurzem änderte das Parlament, in dem Fidesz die Zwei-Drittel-Mehrheit hat, auch die Definition der Medien in der Verfassung. Verankert ist nun, dass diese die «nationale Identität» zu stärken haben. Bedenklich und beunruhigend, diese kleine Welt in der unbehausten großen. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2010
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Ratten vor den Ratten

Das Festival Junger Künstler war schon immer für Überraschungen gut. Im Europasaal des «Zentrums», wo 1982 die szenische Uraufführung von Mozarts Azione teatrale «Il sogno di Scipione» stattfand, wurde tatsächlich ein Stück von Richard Wagner aus der Taufe gehoben. Kein Wunder allerdings, dass die Posse «Eine Kapitulation» bislang nie gespielt wurde. Sie gehört...

Mozarts bester Schüler

Er war Meisterschüler Mozarts, Haydns Nachfolger in Esterhaza, Kapellmeister in Goethes Weimar, und seine Klavierwerke stellen wichtige Weichen für die Romantik. Schon angesichts der bedeutenden kulturgeschichtlichen Verlinkungen Johann Nepomuk Hummels ist es erstaunlich, dass sein Opernschaffen bisher kaum zur Kenntnis genommen wurde. Erst jetzt liegt eine Probe...

Sehnsucht nach der Jugend

Die Gladbecker Halle Zweckel im Norden des Ruhrgebiets ist ein imposanter Bau aus den heroischen Zeiten der Schwerindustrie. Nostalgie hängt im dunstigen Luftraum. Der erhebt sich hoch über den Gleisen, die Christof Hetzer unten auf dem Hallenboden in altem Stil neu verlegen ließ. Birkenbäumchen wachsen aus dem Schotter. Eine idyllisierte Industriebrache, wie so...