«Ich habe nie einen Wotan abgesagt»

Die Stimme formen zu wollen, hält er für einen Irrweg. Signale des Körpers sind ihm wichtiger als Botschaften des Kopfes. John Tomlinson über «natürlichen» Wagner-Gesang, englische Vorbilder und prägende Dirigenten

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Herr Tomlinson, eine Ihrer überragenden Rollen war Hagen in Wagners «Götterdämmerung». Warum gerade ein solcher Fiesling?
Eben deswegen! Ich hatte, grundsätzlich gesprochen, für alle meine Rollen Sympathie. Sogar mit Claggart in Brittens «Billy Budd», der nun wahrlich böse ist. Auch für den Ochs im «Rosenkavalier» habe ich eine Schwäche. Der ist ein Kind der Natur – leichtsinnig und ein bisschen derb. Jede dieser Figuren birgt eine Geschichte, die sich nachvollziehen lässt.



Selbst Hagen?
Selbst Hagen! Er wurde für eine Aufgabe geboren, die er sich nicht selbst ausgesucht oder ausgedacht hat. Ich respektiere das. Es gibt da eine gewisse Ödnis, ein Talent zum Unglück. Genau das macht die Figur vielschichtig – und interessant. Ich glaube nicht, dass man Bösewichter nur finster gestalten sollte. Man sollte niemals mit bösen Absichten auf die Bühne gehen. Sondern mit einer Figur, mit der man sich identifizieren kann. Ich habe Mitgefühl mit meinen Figuren. Anders geht es nicht.

Ihre Stimme zeichnet sich durch eine angenehme Mischung aus Körnigkeit und Weichheit aus. Immer schon?
Ja. Ich glaube, so drückt sich die Körperlichkeit meiner Stimme aus. Ich versuche seit 50 Jahren, jeden Tag schön ...

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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Interview, Seite 52
von Kai Luehrs-Kaiser

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